Georg sank das Herz. Daß die Mensur zu alledem schlecht gefochten war, stand fest; er mußte Reinigung fechten, dazu kam es vielleicht nicht einmal mehr in diesem Semester, so war er gezwungen, auch im nächsten noch aktiv zu bleiben. Sein ganzer Kopf schwamm in Schweiß und Feuer; er glaubte ohnmächtig zu werden, hob den Kopf schwankend und sah noch Tastozzis Gesicht und Gestalt, der mit einem Glase Wasser zur Tür hereinkam. Trinkend kam er rasch zu sich, fröstelte, nahm sich zusammen und sagte, mühsam scherzend: „Bei der nächsten wetzen wirs aus, Tozzi, was?“
Der fragte unbeweglich blickend: „Wann?“
„In sechs Wochen, sagt der Arzt.“
Drei Sekunden lang sah Georg Tastozzis Augen fest und seltsam stille gegen die seinen eingestellt, dann bewegte er stumm den Kopf auf und nieder und wandte sich ab, sein Glas auf den Tisch zu setzen. Der Arzt hob die rotgewaschenen Hände voll Watte über Georg, der den Kopf senkte und sich verbinden ließ.
Esther
Georg, den Kopf mit erhitzenden Binden umwickelt, dampfend von Angst, Öde und Jammer, saß im tiefsten Sessel dicht vor der Glastür zum Garten und sah den Regen in massig fallendem Strom durch den dämmernden Abend niederstürzen, laut rauschend im Blätterwerk der Gebüsche, aus denen überall weißliche Blüten, zerrissenen Nachtschmetterlingen gleich, hervortrieben und umhertaumelten. Ein Türgeräusch weckte ihn aus halbem Schlaf, er hörte Egons Stimme hinter sich und drehte sich langsam um. In der Kaminecke schwebte, erleuchtet, der grüne Lampenumhang, zwei Gestalten kamen den Flur herab auf die offene Tür zu, dann erkannte er Esther und Sigurd und sprang erleichtert auf.
Herr du meines Lebens, wie sie trieften! Das war ja unerhört! — Sigurd — noch über den Stufen oben — zog mit zwei Fingern den Stoff seiner Hose vom Bein ab, um zu zeigen, wie er klebte, Esther schwenkte ihren Hut, daß es spritzte, und schüttelte den Kopf. Da flogen alle Kämme und Nadeln aus dem Haar, und der schwarze Schopf schlug ihr ums Gesicht; vorn senkten sich die Bögen des Scheitels, und sie drückte die gewölbten Hände dagegen, hob das Gesicht und lachte innig, während Georg erstaunte, denn sie war ja unbeschreiblich kostbar und chinesisch anzusehen! Diese feinen, halbkreisrunden Brauen unter dem weißen Dreieck der Stirn — wie ein marmorner Giebel —, die geschlitzten, glitzernden Augen, und der Mund, ah, er war erstaunlich süß, denn er hatte einen Bart, einen entzückenden, verführenden Flaum von Bart über den Mundwinkeln! Esther hieß sie? Sie war ein wenig klein, Rebekka hätte besser gepaßt, wie sie dem langen Jakob auf den Zehen den Krug zum Munde reichte und alle Kamele mit himmlischem Wasser tränkte, — aber was nun? Kleider mußten herbeigeschafft werden, dies war ja ein gottvolles Unwetter!
Georg hob den Deckel der Truhe in der Kaminecke.
„Dies“, sagte er, „ist ein völlig ungetragener Bademantel, dunkelrot mit handbreiter blauer Kante, der steht Ihnen fabelhaft, Sigurd, ziehen Sie ihn schleunig an! Und hier, aus diesen Seidenpapierhüllen schält sich — aha! aha! ein Morgenkleid der Weimarer Werkstätten in ungefährer Form eines japanischen Kimonos!“ Und er machte wollüstig verlockende Augen zu Esther, welche die Hände zusammenschlug über der breit entfalteten braungoldenen Seide, bestickt mit schwarzgestielten und kupferfarbenen Mohnblumen, vom Saum nach oben steigend. Augenblicks öffnete Georg sein Schlafzimmer, machte Licht, warf das Kleid über sein Bett, schob das Mädchen hinein und machte die Tür zu. Dann half er Sigurd die klebenden Hosen vom Leibe, wobei der erzählte, wie sie jählings im Park von dem Unwetter überrascht und hergeflüchtet seien, natürlich Esthers wegen, die behauptete, es wäre näher hierher als bis zur elektrischen Bahn, und das freute Georg über die Maßen. Der blasse Egon half lächelnd bei den Stiefeln und stürzte davon, um den Tee zu beschleunigen. Esther steckte den Kopf aus der Tür und rief: „Schuhe! ich habe alles ausgezogen!“ Aber da war nur ein Paar japanischer Holzschuhe in der Truhe mit zwei Zoll hohen Sohlen, die reichte Georg hinein, und nach einer Weile ging die Tür auf, und sie kam herein, o wunderbar! auf ganz kleinen, vorsichtigen Schritten, so daß sich kaum das Kleid bewegte, das sie weit und mächtig umfloß, die Unterarme vor der Brust gekreuzt, das Haar hochaufgesteckt und mit einer sehr lieblichen Königinnenhaltung des kleinen Hauptes. Ja, da stand nun Sigurd und sah wie ein Hoherpriester aus mit seinem langen, ernsten Gesicht, schweren Augen und dunklem Haarbusch in dem langen roten Kleid. Egon räumte die Bücher vom niedrigen Tisch, setzte das Teegeschirr auf, Georg zog die Lampe mit dem grünen Umhang tiefer und konnte sich nicht satt sehn. Esther drehte sich um und um, und überdem zirpte das Telephon vom Schreibtisch. Georg nahm den Hörer auf und vernahm drüben Bennos Stimme, der mit unzählbaren Entschuldigungen vortrug, Frau Tregiorni, Herr Bogner und Herr Saint-Georges seien schon den halben Nachmittag bei ihm und säßen nun fest, und nun wollten sie Tee trinken, — worauf nach einem unverständlichen Gemurmel Ulrika Tregiornis Stimme erschien, die Georg beglückwünschte, daß er da sei, denn Jason al Manach fehle, um Geschichten zu erzählen, und er hätte sicherlich was vorzulesen. Georg freute sich heftig, bat sie aber, zu ihm herüberzukommen, da sie etwas Erstaunliches zu sehen bekommen würden. Das versprach sie gerne.
Unterweil hatte Esther Tee eingeschenkt und saß auf den Knien ihres Bruders, der in einen Ledersessel versunken war und sie umschlungen hielt, während sie vorsichtig die dünne Tasse an seine Lippen setzte, aber er schüttelte heftig den Kopf, es sei viel zu heiß! worauf sie ihm gut zuredete, und dann trank er wieder einen Schluck, und sie schwätzte erstaunlich dummes Zeug dazu. Auf dem Flur draußen aber entstand ein Getöse von schlürfenden Schritten und Stimmen und unmäßiges Gelächter, und dann flog die Türe auf mit einem heftigen Ruck, und — ja da standen sie!