Ich — ja was kann ich zurzeit andres tun, als gute Menschen zu versammeln und zu denken, daß sie sich nichts zuleide tun und, solange sie beisammen sind, sich des Lebens freun. Sie haben ein jeder ihre Arbeit, draußen; also werden sie auch alle ihre Leidenschaften und ihre Leiden, ihre Feindschaften, ihre Seufzer und ihre Plagen haben, so wie ich die meinen, aber sobald sie hier sind, das weiß ich, herrscht Wohlsein, und unsere Gemeinsamkeit ergeht sich auf dem Boden guter Arbeit erholenderweise, wie der Bauerntanz auf der Tenne. Dazu ist Sommer, alles blüht, die Farbe herrscht, in der Natur und an den leichten Kleidern von uns Frauen. Nach der Hitze des Tages leben sie Alle bei Dunkelwerden vollends auf, wandern umher, hören von fern irgendeine Musik, gehen über die Wiesen hinaus, an den Fluß, singen unter den Sternen und hinüber zu den Lebensbäumen des Friedhofs; wir leben gegenwärtig, gedankenleicht, unbedacht, geschwisterlich. Kommt die Nacht, steht Schlaf bevor, sind wir jeder wieder allein. Dann herrscht das Unsrige, — das Eigentliche wohl. Mag es.
Und so ist es schön. Wer ins Haus kommt, der weiß als Gewissestes den Maler in der Kapelle; der findet Esther, von buntem Zeug umgeben, im gotischen Fenster, findet Jason im Hintergrund, findet Georg, eine Seidensträhne durch die Finger ziehend neben Esther, findet Benno am Klavier phantasierend, findet Irene, Arme voll Blumen zusammentragend, die sie ihrem arbeitsamen Mann heimschleppt, damit er auch was hat, findet Magda unter den sechs Linden, unserer ‚kleinen Allee‘ hinter der Kapelle hin- und herschlendernd, als ob sie innen sänge, der armen Frau Marie Grubbe gleich, als sie noch ein Mädchen war und sehnsüchtiger als mein Kind Magda, und findet uns schließlich Alle beisammen in der Kapelle unterm Gewölk von Klängen voller Sterne, Blumen, Blitze und Engelsgesichter.“
Renate merkte, daß es so dunkel geworden war, daß sie ihre eigenen Schriftzüge kaum noch erkennen konnte. Sie streckte die Hand nach der Lampe, die Glühbirne im kleinen gelben Schirm flammte auf, sie blickte einen Augenblick geblendet nach oben, erkannte das weiße Gesicht Ech-en-Atons über ihr, lächelte und schrieb weiter.
„Zum Beschluß eine kleine Szene von der heutigen Geburtstagsfeier. Zu diesem Zweck wurde Renate in ihrem allergrößten, dem glühroten Kleide mit blauem Moireemuster, das Du kennst, nebst der grünen Halskette von Dir, vor der Orgel aufgestellt, und die ganze Gesellschaft kam im langen Zuge zur Kapellentür herein, indem sie nach der Melodie: ‚Mariechen sitzt auf einem Stein, einem Stein, einem Stein‘ den schönen Choral sangen: ‚Renate hat Geburtstag heut, -burtstag heut, -burtstag heut!‘ Als sie, Georg als der Durchlauchtigste voran, am Podium angelangt waren, setzte Benno sich an die Orgel und spielte ganz leise den Jungfernkranz in Fis-Moll, während Einer nach dem Anderen das Podium bestieg und seine Gabe überreichte. Herrliche Dinge gab es da. Georg schleppte eine große, chinesische Göttin der Barmherzigkeit aus mattgetöntem Porzellan, die wie eine Muttergottes aussieht und lieblich lächelnd segnet. Hinter ihm kam Irene mit einem halben Dutzend langhängender Seidenstrümpfe in allen Farben an jeder Hand. Ulrika trug einen Stoß Noten auf dem Kopf wie ein Negersklave. Sigurd hatte alles und Alle photographiert, Menschen, Haus und Garten, und trugs in einem schönen Album unter dem Arm herbei. Magda hatte Spitzen geklöppelt, dünn wie Spinnweb, der Himmel mag wissen, wo sie die Zeit hernahm, die immer nur für Andere da ist! Saint-Georges brachte eine ererbte Kostbarkeit herbei, einen grünen Porzellanmops, den ich schon immer hatte haben wollen, und Esther kam, in ausgebreiteten Händen einen grauen Florschal, den sie mit silbernen Vögeln bestickt hatte, ein Wunderwerk der Kunst. Zuletzt kam Bogner und hatte Stiefel gekauft. Das war zum Totlachen! Das heißt, Stiefel nannte es Irene, die vor Gelächter sterben wollte, aber es waren ganz schlichte, kleine, gelbe Schuhe, und der Maler versicherte, er hätte tagelang nachgedacht, bis ihm beim Anblick der Schuhe in einem Schaufenster die Erleuchtung gekommen sei, und er hatte es gut gemacht, denn als Renate ihren linken Schuh abstreifte, saß der neue wie angegossen. Bogner hatte wirklich einen schönen Charakter, obgleich Renate im Herzen zitterte und knirschte, nachdem sie eine Woche lang sich vorgestellt hatte, was er ihr wohl malen würde. Darum, als durch das Gedränge der Übrigen auf dem Podium, die gegenseitig ihre Geschenke bewunderten und anpriesen, der gute Benno sich endlich durchgewunden hatte und mit unzähligen Verbeugungen, Erröten und Stammeln eine zierlich geschriebene Kantate auf den 133. Psalm geschrieben: ‚Siehe, wie fein und lieblich ists, daß Brüder einträchtig beieinander wohnen‘ überreichte, wäre sie mit Freuden in Tränen ausgebrochen. — Stiefel! jauchzte Irene, der Maler hat Stiefel gekauft! — Aber nun, wo war Jason al Manach? Siehe, da kam er herein, wie stets, wenn er verlangt wurde, nickte Allen herzlich zu, gab Renate die Hand und seinem Wohlgefallen Ausdruck, daß wieder einmal Alle da wären. Ja, ob er nicht wisse, was heute sei? Richtig, da fiel ihm ein, daß Geburtstag war. Er hatte es vollständig vergessen. O Jason, wie wurdest du da verhöhnt! Sein berühmtes Gedächtnis! — „Saint-Georges, was sagen Sie dazu?“ fragte ich geknickt. Er aber, der alles weiß, fand das erlösende Wort: „Was hielte stand vor Renate?“ sagte er. „Sogar Jasons Gedächtnis versagt.“
Renate aber ergriff eine perlgestickte Tasche, holte eine Handvoll gekniffter Zettel hervor und verteilte sie, befahl darauf, daß jeder, in der Folge, die sie bestimmte, den Inhalt laut und deutlich vorlese. — Renate hatte nämlich die ganze Gesellschaft mit Ritornellen beschenkt. Sie selber begann, Magdas Hand, die neben ihr stand, ergreifend:
Magda, — vom Leide
Geführt, in unserm Kreis der kleinen Freuden,
Ist unser Aller Trost und Herzensweide.
Georg mußte lesen:
Georg, der Trasse,