Hiermit schenke ich dir zu meinem Geburtstage eine Stunde von ihm. Eine sehr kostbare Stunde, denn unten sitzen sie Alle um Jason in der dämmerigen Veranda und hören ihn kleine Geschichten erzählen. Du kennst Jason ein wenig durch meine Berichte. Wirklich ist er zu den Lebendigen zurückgekehrt. Nun erzählt er Geschichten. Geschichten, die er augenscheinlich selbst macht. Dann sitzen wir Alle um ihn herum, und er erzählt, halblaut, leise plätschernd, den blassen Mund immer ganz leicht gekräuselt, beinah möchte man sagen: kaustisch, aber das ists nicht, es ist bloße Freundlichkeit, immer geruht er ganz leicht, und seine Langmut ist ja nun unendlich. Die schwarzen Augen wandern unaufhörlich umher, vom Einen zum Andern, und immer muß man sich freuen, wenn man angesehn wird. Er weiß auch immer eine Antwort, nicht wie Georges, der Aufschluß erteilt und Dinge klarlegt, sondern da ist irgendwie eine sanfte, ganz sanfte Unabänderlichkeit in seinen Worten, sie sind so da wie eine kleine Wiese, sie stehen da wie ein Büschel Blumen, — was ließe sich dagegen einwenden? Aber er spricht niemals von selber, man muß ihn immer anreden, und dann weiß er immer etwas, ach, ich könnte stundenlang davon schreiben! Niemals widersteht er; wenn einer spazieren gehen will, Jason geht mit; wenn einer im Garten sitzen möchte, Jason sitzt mit im Garten; wenn einer was erzählt haben will, Jason erzählt gleich was. Aufschreiben wollte er nichts, sagte er, er wäre kein Literat, aber nachdem ich ihn gebeten habe, hat er mir schon dies und das Stück Papier gebracht, darauf war mit ganz kleiner, zierlicher Schrift eine seiner Geschichten aufgeschrieben, und wenn der Bogen zu Ende war, war die Geschichte auch aus; das nehme er sich so vor, sagte er.

Aber weiter zu den übrigen ‚Allen‘, die ich erwähnte. Da ist:

Magda, die Du kennst, doch wurde sie freilich durch Krankheit und Schicksal recht verändert. Wenn Du Dir eine sehr mädchenhafte und sehr deutsche Madonna vorstellen kannst, eine Madonna, die nicht geboren hat —, dann kannst Du sie sehn, wie sie jetzt ist. Siehe, es giebt Menschen, die werden durch vieles Leiden — wie der Stahl durch Bestreichen mit dem Magnetstein — magnetisch für anderes Leid, und wer das seine mit ihr in Berührung bringt, dem weiß sie es sanft zu entziehen. — Glück, hörte ich Dich einmal sagen, ist eines der häufigsten Fremdworte in der Erdensprache. Nun — dann hat meine Magda jene Sprache verstehen gelernt, aus der es stammen mag.

Ulrika kennst Du, und sie ist dieselbe; mir nicht ganz nah wie bisher, so sehr ich sie liebe. Sie muß einen seltsamen, mir unbekannten Geist mit sich herumtragen, den vielleicht verstehen mag

Bogner, doch will ichs nicht beschwören. Sie sind viel zusammen, soweit er nicht, wie zurzeit, vor einem Wandstück in der Kapelle sitzt, die er mit musizierenden Engeln auszuschmücken beschäftigt ist. Um es gleich zu sagen: Was Bogner sich unter Engel vorstellt, ist nicht mehr und nicht weniger als ein heroisches Wesen, dem er diesen Namen giebt. Er hat einen Haufen Studien um sich herstehen und malt. Nein, mit ihm ist nichts anzufangen, obwohl er nicht ohne Bereitwilligkeit ist; jedenfalls wenn er nicht malt.

Irene kennst Du. Mit ihr, Georges, dem gleichfalls Dir bekannten Benno — dessen Namen ich nur anzuschlagen brauche, um Dich den ganzen rührenden Akkord mit allen Ober- und Unterstimmen seines Wesens hören zu lassen — und einem Dir Unbekannten, der das Cello spielt, haben Ulrika und ich eine Quartett- und Triovereinigung an Mittwoch- und Sonntagabenden. Was das Cello angeht, so bist Du vollkommen ersetzt. Er heißt

Sigurd Birnbaum, studiert Medizin und ist neunzehn Jahre alt. Menschen beschreiben kann ich nicht gut, so mußt Du Dich mit der Versicherung begnügen, daß ich ihn schön finde und so aussehend, daß ich ihn Unkas getauft habe nach dem letzten Mohikaner. So sieht er aus; so geht er — schwer und mit den Füßen etwas einwärts, wie diese, noch ein wenig tierhaften Menschen sich den Gang auf langen Wanderungen erleichtern sollen; so einfältig ist sein Gemüt, kampfbereit sein Geist — und im übrigen habe ich einen Vers darauf gemacht, der später kommt. Seine Schwester heißt

Esther, ist das Lieblichste von der Welt, gleicht aufs Haar einer kleinen Chinesin, wird von allen liebgehabt und kann sonst auch gar nichts, obwohl sie sehr klug ist. Da sie aber etwas tun muß, so haben wir einen Fond gegründet für Handarbeiten, denn darauf versteht sie sich. Was kann das Mädchen himmlische Sachen sticken! Wie ich gestern in Dein Zimmer komme, sitzt sie da mutterseelallein über einem großen Stück schwarzer Seide und näht an einer handtellergroßen Scheibe in der Mitte aus kleinen Rosen, von kunstvoll zusammengefalteten, lichten Seidenläppchen; in handbreiter Entfernung soll ein dichter Doppelkranz von gleichen Rosen herum, und das Ganze bekommt eine altgoldene Spitzenborte, die ich hergeben werde. Leider ist sie ganz arm. Also hat sich der wohlhabende Teil unserer Gesellschaft zusammengetan und einen schönen Fond gegründet zum Einkauf von unermeßlichen Seidenstoffen, Kanevas, Wolle, Seidenfäden und so weiter, und die gute Esther wird die ganze Gesellschaft mit Kissen und Morgengewändern, Fenstervorhängen und Tischdecken versorgen. Außerdem ists unendlich behaglich, wenn einer vorliest und jemand dabei sitzt und stickt. Jason kann ihr Geschichten erzählen, wenn sie allein ist.

Prinz Georg wäre dann der letzte zu erwähnende, und Du kennst ihn. Nicht wahr: immer freundlich, gutherzig, ehrlich, immer gern literarisch — oder muß es in diesem Fall literatisch heißen? — und im übrigen so wie der Vers, den ich auf ihn gemacht habe. (Kommt später!) Allzuhäufig sieht man ihn nicht, denn er ist in einen ‚Geheimbund‘, wie er das nennt, eingetreten, wo er ‚sich in den Sitten wilder Völkerschaften übt‘.

Ein Name — sagte Josef einmal — ist was der Henkel am Topf; also nennen wir uns die Friedliebende Gesellschaft. Wir kommen und gehen in diesem Hause, wie es uns beliebt, und unser einziges Statut ist, uns nur einmal am Tage zu begrüßen.