„Darf ich wissen was?“ fragte Renate, in einen leeren Sessel gleitend.

„Ach,“ hörte sie Esther aufatmen, „wie kann man das sagen? Es sind ja keine Geschichten. Nur ein Stück Leben, das er erscheinen läßt, wie — wie in einer Laterna magica, so farbig und so leise.“

„Wenn Sie“, ertönte Saint-Georges’ Stimme nach einer Zeit, „den Inhalt wissen wollen: Da war ein Buchbinder. Der stand von früh sieben Uhr bis abends zehn am Arbeitstisch. Er hatte einen sehr alten, weißbärtigen Vater, der noch helfen konnte, eine große, üppige Frau, die an besonders arbeitsreichen Tagen zugriff, und einen zehnjährigen Jungen, der ins Realgymnasium ging, aber albern war, nur herumlief und lachte, nichts lernen konnte; ein halber Idiot. Damit der einmal zu leben habe, mühte sein Vater sich tagein tagaus, ohne Festtag, ohne Freude als eben diese.

„Eines Tages fing er an, sonderbare Reden zu führen. Dann verschwand er. Dann kam er wieder, redete irre, tobte. Dann kam er ins Irrenhaus, und dort starb er bald darauf. Fast das ganze Guthaben des Sparkassenbuches hatte er vergeudet.

„Nun stellte die Frau sich an seinen Platz. Sie hatte alle Fertigkeit gut begriffen, nur die feineren Einbände machte der Schwiegervater, aber bald konnte sie das Vergolden der Titelschriften und dergleichen besser als der Alte, ja mit Frauengewissenhaftigkeit machte sie’s sogar akkurater als der Tote, in freilich längerer Zeit. Und dann starb plötzlich der Schwiegervater. Ja — und dann fand man sie eines Morgens am Bett des Knaben, sitzend, über ihn gebeugt, und das Zimmer war gefüllt mit Leuchtgas.“

„Ja,“ setzte Saint-Georges nach einer Weile hinzu, „das wars.“

„O nein, das wars nicht!“ sagte Ulrikas Stimme hinter Renate. „Wir haben es doch alles gesehen! Die lange Werkstatt mit den blinden, verklebten Fensterscheiben voll rostiger Eisenquadrate, und den langen Arbeitstisch, darunter das Werkzeug, — und wie der Mann mit seinen dunklen Augen und dem zurückfallenden schwarzen Kinn und den wehmütig hängenden Mundwinkeln soviel plappert, immer seine kurzen: Ja, ja, — jawohl, jawohl, — ja ... Und dann der Geruch ... der Leim auf dem Herd, der Kleister, Druckerschwärze und gekleistertes Papier, und Leder, und Kaliko, jedes ...“

Benno räusperte sich. „Ach,“ sagte er, „und draußen der schmale Hofraum, das alte Pflaster voll Gras, und in der Ecke der alte Leierkasten, der herrenlos war ...“

„Und gegenüber den Fenstern“, redete Sigurd, „die vier braun gestrichenen Türen der Klosette mit dem Herzloch oben, nicht wahr, und dahinter die alten Fachwerkwände, die Fenster und Gardinen, und die Geraniumstöcke im Sommer ...“

Nun schwiegen sie wieder. Renate, schon — wie den Geruch der Blumen, des Rasens, des ganzen Atems der Sommernacht — den Duft des Erzählten aufsteigen fühlend, bat innerlich: nur weiter! so bekomm ich vielleicht doch noch das Ganze ...