Und überdem hörte sie Esther wieder:

„Es war so traurig! Am traurigsten war, wie die große, dunkle Frau da am Bett sitzt und nicht mehr lebt. Nein,“ überbot sie sich, „das Traurigste war wohl doch, wie der Mann da die Dirnenbekanntschaft gemacht hat, und er nimmt seine Frau mit zum Stelldichein —“

„Ich glaube,“ fiel Magda leise ein, „am schrecklichsten fand ich, wie er dann seine Frau auf den Rücken klopft und sagt, sie wäre aber doch die Beste und —“

„Nein, Magda,“ raffte Esther sich erregter auf, „das wars doch nicht! nicht das, sondern — wie sie selber Jason das alles erzählte und dabei Zeitschriften heftet und weint und alles zwei und dreimal wiederholt und ‚du bist doch die Beste‘, wie er das gesagt habe, und sie sagt, daß sie das ja auch immer gewußt hätte, er wäre nur bloß eben ... Und wie sie eigentlich gar nichts Besonderes drin fand und — — sags doch, Sigurd!“

„Keinen Namen, keine Bezeichnung dafür, nicht wahr? Nur ein Unglück, ein furchtbares Unglück; so furchtbar, daß es sich nur hinnehmen ließ ...“

Sie waren verstummt. Renate konnte, da es heller vor ihren Augen geworden war, nun von Allen die Helligkeit der Gesichtszüge und die dunklen Flecken der Augen erkennen, in denen es glänzte. Plötzlich tat sich neben ihr, fast laut, entrüstet und verwirrt, Irenes Stimme auf:

„Und das Ganze kommt nur von der fehlenden Anzeigepflicht der Geschlechtskrankheiten.“

Ein Lächeln, kaum hörbar rauschend, wehte im Kreise umher. Und Saint-Georges sagte: „Bravo! Die Frau ihres Mannes.“

Bevor Irene auffahren konnte, wurde jetzt Jasons melodische Stimme hörbar, der langsam sagte:

„Ihr Kinder! ihr Kinder! Wie seid ihr doch sonderbar! Meint ihr denn nun eigentlich, die Menschen in meinen ‚Geschichten‘ seien andre als ihr selber, daß ihr von alledem sprecht, als ob ihr nie dergleichen gesehn hättet? — Und in meiner letzten Geschichte, von dem Buchbinder, da waren sie wohl euch wieder nicht gütig genug bei all ihrem Unglück, denn war die Mutter nicht öfters hart zu dem albernen Jungen, und es gab auch wohl Schläge, und der Alte erst, der immer schlechter Laune war und brummte, obwohl er tun und lassen konnte, was er wollte, um sechs Uhr Feierabend machte und sein Bier trank, und als der Sohn tot war, sprach er obendrein schlecht von ihm. Denn über ihnen Allen war das Unsichtbare, das, was Irene andeutete, was sie alle Drei wußten und nicht wissen wollten, das Verschulden, das doch keines war, sondern in Wahrheit — Verhängnis. Verhängnis? Sie waren es doch selber, in ihnen wirkte es, ihr Leben wars, das, wonach sie sich eingerichtet hatten, und sonst nichts.“