„Ja,“ fing Esther an, „ich weiß nicht, Jason, — deine Menschen sind doch sonderbar. Irgendwas — glaub ich — fehlt. Sie sind nicht gütig und nicht schlecht, nicht tugendhaft und nicht edel, und auch nicht gemein. Eigentlich sind sie gar nichts.“

„Sind sie nicht vielleicht — leidend?“

„Oh freilich, Jason ...“

„Und das, kleine Esther, ist zu wenig, wie? Außerdem, meint ihr, muß jemand noch etwas sein, wie? Nicht nur so — leben, das Leben verrichten, sondern auch gewissermaßen eine Vorstellung davon haben. Sage mal — seid ihr denn wohl anders? Seid ihr auch so etwas Bestimmtes, so ein Bild mit was Gutem oder was Schlechtem darauf?“

„Nein, Jason! aber —“

„Aber die Menschen in Geschichten, das habt ihr so gelernt aus den Geschichten, die müssen außerdem noch etwas bedeuten, nicht wahr? Nämlich: Charaktere; dann: Frömmigkeit, Festigkeit, Güte, Heimtücke, Verwahrlosung, Verkommensein und dergleichen schöne Dinge mehr, die es gar nicht giebt.“

„Aber Jason!“

„Weil es eben nur Menschen giebt, und jeder Mensch die Bewegungen, die Handlungen und all das, was sein Leben ist, tut, wie sie aus ihm kommen, weil er so ist, aus allen seinen bunten Eigenschaften, die über jeden in Menge, ganz gleichmäßig von der verschiedensten Art und immer nur teilweise freilich, niemals ganz, ganze Eigenschaften, abgewogen und ausgeteilt sind, und bloß ihr, ihr habt daraus die Begriffe gemacht, und wieder aus jedem Begriff einen ganzen Menschen, und darum verlangt ihr dann, daß die Menschen — die Andern! euch selber seht ihr ja niemals — sich nach den Begriffen richten, danach wachsen und nach ihnen sich gebärden sollen, nicht nach sich selber. Dann fehlt euch an jedem etwas, darum scheint euch alles so unzulänglich, es könnte noch so bitter und zerlitten sein, darum kommt ihr immer höchstens zu eurem: er hat doch auch so viele gute Seiten ... darum seid ihr nie zufrieden miteinander, und Großmut und Wahrheit, Glaube, Liebe und Hoffnung, die gehen ihrer Wege.“

Da waren sie auf einmal Alle aufgestanden. Auch Renate erhob sich, betroffen, und bewegte sich mit den Übrigen auf Jason zu, sie waren Alle um ihn herum, und mehrere Stimmen fragten: Was ist es denn, Jason, du weißt es doch, was fehlt uns Menschen, wie sollten wir sein, wie uns halten, wie uns helfen? —

Er hatte aber die Augen geschlossen und sah fast unwillig aus und kränklich, und sie wollten sich schon abwenden — denn war er nicht selber vor kurzem erst von den Toten auferstanden? — als er die Augen wieder aufschlug, und sie erschraken wohl Alle wie Renate vor diesen schwarzen Augen, die plötzlich im Dunkel waren, viel schwärzer als alles Schwarze, so glanzlos, als ginge es dort in die schwarze Ewigkeit hinunter. Dennoch, obgleich er die Augen nun langsam von Einem zum Andern bewegte, schien er durchaus keinen wirklich zu sehn, sondern etwas ganz andres. Sie selber aber fühlten nicht ohne Schauder an seinen Augen: da war es, wonach sie gefragt hatten. Nennen ließ es sich nicht, aber — es war da. Es glänzte aus dem Schwarzen herauf, es — nein, Jason lächelte, das war das Ganze.