Aber warum hellenisch? Er wollte im Grunde doch nur dienen. Oh der arme stumme Trappist mußte eine Leidenschaft haben, mit Handlung, mit der sorgsamen Dienstleistung auszudrücken, was ihn beseelte. Aber ... Nun, auch wenn es ein körperlicher Reiz und ein sinnliches Verlangen war, zu den Gliedern der jungen, geschmeidigen Menschen eine Begierde: die Begierde war es doch nicht, die seinen schönen stummen Händen diese Sanftheit gab, diese Behutsamkeit, diese Freude am verständnisvollen Behandeln; die kam aus seiner ganzen Natur, von der das andre nur ein kleiner Teil war, und so fand er denn in seinem Leben diese vorsichtige kleine Stelle, wo er ein wenig geben konnte und — ein wenig nehmen ...

Schwalbe richtete sich auf.

„Ich muß leider nach Hause“, sagte er. „Es war schön hier, mit dir zu stehn und an Tozzi zu denken.“ Er streckte seine breite Hand aus. „Auf Wiedersehn am Grabe, Georg. Übermorgen ist die Beerdigung. Gute Nacht.“

Georg, der noch gern ein Wort gefunden hätte auf das zugetane „es war schön hier, mit dir ...“ fand nichts als stummes Zunicken und Lächeln beim Händedruck, mit dem sie sich trennten. Gleich darauf befand er sich außerhalb der Stadt, mitten in den dunklen Wiesen.

Auf Wiedersehn am Grabe ... klang es ihm da im Ohr. Merkwürdig, sagte man so? Das habe ich noch nie gehört, — und es ist ja auch der erste Tote, den ich kenne. Auf Wiedersehn im Grabe ... das klang fast genau so. Armer Tozzi! — Sonderbar, da war er uns Allen ganz fremd, und doch nannten wir ihn mit der liebevollen kleinen Abkürzung. So muß doch bei allem Abgekehrtsein von ihm in jedem geheim ein kleines Gefühl für ihn gehaust haben, das sich, für Alle unhörbar, ganz laut mit diesem Namen nannte ...

Hineilend auf dem vor ihm dämmernden, hellen Streifen des Fußpfades am Ufer über dem hastig mitkommenden, glucksend sich manchmal überstürzenden Fluß, sah Georg jetzt wieder Renates einzig schöne Gestalt in der Ferne, und heiß schwoll ihm die Brust. Nie noch fühlt ich solche Sehnsucht nach ihr, dachte er, ja ist nicht dies das allerseltsamste, daß sie mich betäubt, wenn ich vor ihr stehe, und daß ich sie — vergessen hatte, wenn ich allein war? Überseltsames Wesen, Renate! — Er lief und lief. Fast feurig aus den dunklen Gründen der Wiesen strömte erdiger und grasiger Geruch und der Nachdampf von Regen. Jenseits des Flusses fern zackten Schattenrisse von Türmen sich über schwarzem Gewipfel in das glühende Nachtrot des Städtehimmels. — Seliger sich fühlend, befreiter, zuversichtlicher erklomm Georg den Hügel der Bismarcksäule, überschritt langsam die Plattform, faßte mit schweifendem Blick die schwarze Gegend in sich, ein Erglänzen in der hochgewölbten Fläche des Stroms, eine lose Schar Sterne, leis blinkend im Finstern, und stürzte sich mit einem schweren, beklommenen Lustgefühl die Böschung hinunter in die Wiesen.

Weißlich leuchteten von drüben die Grabhäuser zwischen den Lebensbäumen. Jetzt dämmerte ein Lichtschein darüber, seltsam unwirklich und groß. Langsam erschien eine fleckige Scheibe, der Mond, rot wie neues Kupfer im grauen Himmel; eine schwarze Spitze reckte sich vor ihm, die er bald mühelos überklomm. Georg stand und hatte das Gefühl, als ob er nicht weitergehen könne, ehe es Tag wurde. Schon hing der Mond dort, mächtig groß, voll und nun bernsteingelb, rauchig; schieferblau der Himmel, — und Georg ging langsam weiter im Finstern, vorsichtig die sumpfigen Stellen umgehend, und das einzige Geräusch weit und breit war das Rascheln der Halme und Blumen, die um seine Füße schlugen. Da bewegte sich ein Schatten links vor ihm, ein weißer Fleck erschien im Dunkel, — ah, das waren die alten Omnibuspferde, die hier einen Sommer lang Erholung genießen durften. Er kam ihnen näher, er kannte sie ja, da stand das schwarze ganz nah als ein dickes Schattenpferd, er hörte, wie es emsig Gras abrupfte, hörte es schnurpsen; und da war auch der Schecke mit den großen weißen und dunklen Placken; der stand still, schnoberte und trabte heran; er liebte die Menschen. Georg tastete mit der Hand zwischen den Drähten der Einfriedigung hindurch und empfand mit freundlichem Schauer das gewaltig Lebendige, die weiche, samtige Tierschnauze, die aus der Nacht kam und sich befühlen ließ, empfand das sonderbare Geström der Fremdheit aus diesem großen, stummen Wesen, das mit Fell bekleidet war und ein großes, weiches Maul hatte. — Armer Tozzi! murmelte er leise. — Still stand das alte Pferd und atmete tief und laut.

Im Weitergehen war es Georg, als schluchzte etwas in der Dunkelheit. War ihm selber danach zumute? — Auf einmal hörte er eine Melodie, ein paar lange, süß hinzitternde Noten, eine Stimme, Worte dazu, aber all das war in ihm selbst, die Nacht umher totenstill, doch erkannte er jene schöne Kirchenarie von Stradella, die ihm Magda vorgespielt hatte, weil sie sie singen wollte, und er hatte ihr auf ihre Bitte einen deutschen Text dazugeschrieben, der sich in der Kirche singen ließ. Jetzt hörte er die Worte deutlich, hörte die kleinen Tonreihen, die langen Pausen dazwischen, hörte, niederschwebend von den Sternen, die sanfte, melodische Frage:

Wer weint in Finsternis?

Und wieder, nach einer Pause: