„Ja! Das sollte man tun. Das erinnert mich daran, daß ich Hardenberg einmal über das Mönchtum sprechen hörte — du kennst ja seine Weise —, und zwar kam er bald auf den Trappistenorden, der, wie er sagte, der einzig mögliche sei. Und dann schilderte er uns das Schweigen dort. Er machte es wunderbar. Er zog gleichsam mit vollen Händen das Schweigen aus den Dingen dort, aus den Mauern, den Zellen, aus jedem Gerät, aus Gießkanne und Gebetpult, aus Spaten und Egge, aus den Blumen im Garten, den Bäumen. Wir waren ganz eingehüllt in das Schweigen, obwohl er selber unausgesetzt sprach. Und ich muß sagen, ich war ganz erschrocken, als er — nach seinem wunderschönen — Gesang auf dies Schweigen — plötzlich von den Vögeln sprach, die auch stumm geworden waren und nicht mehr sangen im Klostergarten.“

Ergriffen sagte Georg leise: „Wie schön!“ — und blieb stehn.

Sie waren auf der kleinen Brücke zwischen alten Häusern, die zur Insel hinüber führte. Rechts unten strömte der schnelle, dunkle Fluß zwischen alten Mauern, am Ufer drüben blinkten Lichter aus winzigen Fenstern, aus dem Grün und Blumenrot der Dachgärten, deren Silberkugeln und weiße Geländer in der Dämmerung schimmerten. — Still sahen sie eine Weile dorthin, dann legte Georg die Arme auf die Brüstung, und in der dunklen Wasserfläche unten erschien ihm das Gesicht des Toten mit jenem besorgten Ausdruck, den es bei Georgs letzter Mensur gehabt hatte.

Ach, wußte er nun, was hat denn auch er andres getan und gewollt als — Lieben. Seine Natur schrieb ihm diese furchtbare, angstvolle Stille vor, aus der er niemals heraustrat, er, der mit keinem sprach, bevor er gefragt oder angeredet wäre. Sich um Andre bemühn, dienen, gütig sein, war sein Wunsch, und da fand er denn dies heraus ... Georg mußte sprechen; er sagte, Schwalbe auf dem Geländer lehnen sehend wie er selber, breitbrüstig und ruhig:

„Es war doch schön, wie er um uns Alle besorgt war beim Fechten. Bist du je von ihm anbandagiert worden? Erinnerst du dich, wie er die Brille zuzog? Diese Sanftheit des Ziehens, bis mit einem kleinen Ruck die Brille saß, wie sie nicht besser sitzen konnte?“

„Jawohl. Wie du das sagst, scheint mir, es war doch etwas Hellenisches um ihn. Nicht nur, daß er einen wundervollen Körper hatte —“

„Ja, hast du ihn gesehn? Ich kam zufällig einmal dazu, wie er sich eben ausgezogen hatte zur Mensur und dastand, ganz grade, das Mensurhemd in erhobenen Armen überm Kopf, wie ein gelber Marmor.“

„Hellenisch war, scheint mir, vor allem seine Art, uns zum Kampfe zu rüsten. Der Kampf war ihm mehr als uns, war ihm eine schöne Sache, und einmal — ja einmal habe ich ihn richtig reden gehört. Da sprach er ein paar Worte über italienisches Fechten, das so viel beweglicher sei als unser stumpfes Dreinhaun und den ganzen Körper erziehe und durchbilde ...“

Man sollte nackt fechten ... Tastozzis leise Worte, irgendwann gehört, zogen durch Georgs Erinnerung.

Sie schwiegen und sahn auf das endlose dunkle Fließen unter ihren Füßen. Georg dachte: