Gott hilft den Seinen,
Gott, der die Gepeinigten
Aufrichten will ...
Jetzt? Im helleren Mondlicht deutlich sichtbar stand ein neuer Schatten ferne auf Georgs Weg; ein menschlicher wars. Mystische Schauder schweiften im Dunkel. Es konnte der Tod sein, der dort stand, zwischen ihm und dem Friedhof, einen schwarzen Arm gegen die goldene Mondscheibe emporstreckend. Hoch oben im Nachtwind verhallten die zarteren Stimmen ...
Georg schritt weiter, behutsam, beklommen; gleichzeitig glitt der Schatten vor ihm davon; war es eine Frau? trug er antikes Gewand? — Nun verschwand er vom Weg, und als Georg die Stelle erreichte, wo er abgebogen sein mußte, wars dort, wo auch Georg abzubiegen hatte, wenn er zum Montfortschen Hause gelangen wollte. — Wie still es war! Wer ging dort und führte ihn ungerufen? Da war schon das Gittertor, da der Graben. Der Schatten, unhörbar, glitt zwischen den, von weitem verschlossen scheinenden Stäben hindurch, erschien an etwas höher gelegener Stelle im vollen Licht; es war Renate.
Renates Haltung war es, obgleich sonst nichts an der Schattenfigur Renate zu erkennen gab. Georg folgte ihr leise von fern, süßliche Angst im Herzen, andächtig, sie nicht zu stören, zitternd, voll Melodien. Er sah sie die schräge Ebene emporgleiten, unter den Bäumen schwinden, wo Finsternis stand, eine Uhr schlug nicht fern zweimal hell und zuversichtlich. Er hörte die Gartentür zufallen, trat leise hin und sah Renates Schattenriß im Lichtschein zur Rechten, der die offene Kapellentür ausfüllte. Es trieb ihn näher, er versuchte, lautlos durch das Pförtchen zu kommen, es gelang, er schlich unterm Buschwerk über den Rasen bis zur Tür, trat rechts neben die Stufen und hatte den Raum vor sich, der von einer unsichtbaren Lichtquelle erleuchtet war. Renate stand mitten darin; sie trug eine lose grüne Tunika mit kurzen Ärmeln, die bis in die Nähe der Knie hinabreichte; die Farbe des am Boden schleppenden Untergewandes war nicht zu erkennen, aber das Grün leuchtete an ihrer Brust, wie sie sich jetzt zur Seite drehte, ihm halb den Rücken wendend, auch der weiße Nacken, — und nun erschien sie Georg draußen im nächtlichen Wiesenland, hinter ihr der Mond, — er ging auf dem Grassteig auf sie zu, an ihr vorüber, sah ihr weißes Gesicht und die Augen ohne Blick wie eines sinnenden Gottes, und das fremde Gewand. — Wo kommt sie her? wie kommt sie zu uns? in dies Land? dachte er. Sie ist ja fremd hierzuland.
Georg sah, daß sie mit leicht geneigter Stirn zu jemand sprach, den er nicht gewahren konnte; das mußte wohl Bogner sein. Georg gab es einen Stich, er wollte davon, blieb aber und sah hin. Ach, ihr gesenkter Scheitel, der gewellte Bogen von der Stirn zum Ohr, ähnlich, doch nicht ganz so tief wie bei Esther, und dies seltsame lichte Braun des Haars ...
Sie sprach: „Noch nicht fertig, Bogner?“ „Morgen früh“, hörte Georg die Stimme des unsichtbaren Malers. „Will es nicht gehn?“ Sie sprach ruhig, mit verdunkelter Stimme. Die Antwort des Malers blieb unverständlich; nach einer Weile kam wieder Renates Stimme: „Sie sollten schlafen.“ Wie schön verhallte das im leeren Raum!
Nun wars still. Renate stieg auf das Podium, setzte das Windwerk in Gang, öffnete das Manual und spielte bei geschlossenen Registern ganz leise den Choral: ‚Nun ruhen alle Wälder‘ mehrere Male.
Schweigen. Georg, im Dunkel an die Mauer gepreßt, durch die Zweige über ihm emporblickend, sah einen und zwei kleine Sterne, zitternd im Ewigen. Er vernahm das sanfte, melodische Brausen in der Nachtstille und wünschte, nur Herz zu sein, in diesem beweglichen Rauschen ruhend, atmend darin, wie der still im ziehenden Gewässer schwebende Fisch ... Er zuckte leise; seitwärts in der Tür über ihm stand jemand, Renate; sie stieg nieder, verschwand im Gebüsch und kam nicht wieder zum Vorschein; nach langer Zeit hörte er unendlich leise das Geräusch ihrer Füße auf dem Steinboden der Veranda. Sie war im Haus. Georg trat auf die Stufen und ging in die Kapelle.