Bogner nickte bloß, als er ihn begrüßte. Nein, der wunderte sich ja wohl über nichts. Er saß da in der Nähe der Orgelempore, hatte die Fäuste auf den Oberschenkeln und sah nach oben gegen sein Gemaltes. Da er nicht rauchte, steckte Georg ihm eine Zigarette zwischen die Finger, zündete sie ihm an und rauchte selbst eine. So, die Hände in den Hosentaschen, ging er hin und her, die fertigen Gemälde betrachtend, drei an der Zahl, zwischen den Fenstern gegenüber dem Eingang. Es war wohl geplant, daß die Wand oben zwischen den gotischen Spitzbögen über den drei Meter breiten und zwischen fünf und sechs Meter hohen Gemälden mit ihrem Himmel bemalt werden sollte bis zum Beginn der Wölbung, denn die Bemalung endete oben nicht rechteckig, sondern zerfloß in dünnes Gewölk und Grau, ähnlich dem Stein. Georg stand vor dem äußersten Engel.
Engel? freilich nur, weil er faltiges Gewand trug und ein Instrument in Händen. Georg trat zurück und betrachtete sie alle drei. Oh, sie waren groß! Obgleich sie alle in der Ferne sich durch ihre Landschaft bewegten, erschienen sie riesenhaft und übermenschlich; die Haltung ihres Schreitens war in Formen von Eisen gepreßt, die Luft mußte scharf und bitter schmecken, mit solcher Schnelle wurde sie von diesem riesigen Pilger durchschnitten. Es war keine Beleuchtung da, Licht lag in der Luft. Ja, da schritt er, der engelhafte Bote, in grauviolettem, wehendem Gewand, heroisch von Zügen, eine kleine Harfe in ausgestreckten Händen, vor einem kleinen dunkelgrünen Föhrenwald mit grauen Stämmen; gelbe und schwarze Haidelandschaft ringsum, aber unendliche Stille herrschte; nur der Engel ging, ausgreifend vollen Vorderfußes wie ein Löwe, emporfedernd den Hacken des andern. Oh, siehe daneben den andern in Mattrot, wandelnd mit der Gitarre um einen kleinen grauen Teich unter einigen Zedern! Und hier, der Schwefelgelbe blies die gegen Himmel gerichtete lange Lure auf violettem Haidehügel mit kleinen Wacholderstauden, schwarzgrün. Georg wanderte vom einen zum andern; sie blieben, um sie herum schien sich die Landschaft zu wandeln im Vorbeifliehn, es wehte von ihren Kleidern, sie bewegten sich und holten aus, sie fegten dahin, — nein, aber dies war nur der eine, der Violettgraue mit der Harfe, der so hinjagte über die runde Welt; um die andern wars still, sie standen.
Georg wandte sich und trat hinter den Maler. Da saß er in seinem buntgescheckten Kittel unter der tief hängenden, eigens für ihn angebrachten Osramlampe, die scharf strahlte, umgeben von Töpfen und Pinseln. — Ah, das war unglaublich! Dolomitisches Geklüft, rosengrau, Felswände, Terrassen, übereinander gesteigert, immer ferner, immer tiefer, bis sie ganz ferne mit wagrechtem Kamm gegen den mattblauen Himmel abschlossen, und dort, hoch oben, weit fern, saß der weiße Engel, so groß und deutlich, daß er noch überm ungeheuerlichen Geklüfte ein Riese schien, aber er war doch schmaler, doch zarter als die andern; es war eine Frau, sie hatte kein Instrument, sie lauschte und zeigte die zarten Züge und das dunkelrote Haar der Ulrika Tregiorni.
Georg blickte näher hin, ob sie es wirklich sei, — nun, die Ähnlichkeit war schwach und bestand hauptsächlich im Haar, aber er bemerkte bei dieser Gelegenheit nun, welch eine simple Malerei dies war, — aber welche Kunst! Was mußte das gekostet haben, bis die Sparsamkeit dieser zarten Kontraste, dieser Flächen, dieser Linien herausgepreßt war aus der Zahllosigkeit der Möglichkeiten. Was aber diesen Engel anging — er war kaum zwei Schuh groß und hielt das Kinn in der Hand des aufgestützten linken Arms —, so hatte er keinen rechten Arm, und dieses schien es zu sein, worüber Bogner sich den Kopf zerbrach, denn da standen auf der Erde unterschiedliche Arme um ihn herum, die Hand nach unten, als sollte der Engel seinen rechten Arm ein wenig hinter sich aufstützen.
Bogner sah auf zu ihm, hatte rote Flecken im grauen Gesicht und schien verwirrt.
„Ganz schön, nicht?“ sagte er. — Georg legte ihm eine Hand auf jede Schulter und sagte feierlich: „Bogner, Sie sind ein edler Mensch.“
Bogner ergriff einen der Kartons mit der Kohlezeichnung eines nackten Frauenarms, Ulrikas Arm, wie es schien, nicht sonderlich schön, aber durcharbeitet, durchseelt; auch eine Hand, locker ausgestreckt, war noch auf dem Karton. Ja, das war diese seltsame Klavierhand, hager und mit unzähligen Runzeln auf den Fingergelenken in der locker gewordenen Haut. Da fiel Georg Renate ein, und es kam ihm, Bogner geradeswegs zu fragen: „Warum lieben Sie nicht Renate Montfort?“
„Ach, ich!“ wehrte der Maler unbetroffen ab, wandte sich aber nach einer Weile ein wenig um und fragte, ob Georg glaube, daß sie ihn lieben könne. —
„Lieber Gott, Bogner,“ sagte Georg, „danach sollte der Mensch doch zuletzt fragen! Ich glaube, Maler, Sie sind ein Individuum gänzlich ohne Leidenschaft.“
„Muß denn bloß so heißen, was sich sexualiter äußert, Prinz?“ fragte Bogner, stand auf, setzte seine Kohlezeichnung an die Erde, reckte sich und fing an, hin und her zu gehn.