„Übrigens“, sagte er, „könnte ich auch wie der Tobias — wie heißt er, in der Komödie?“
„Bleichenwang?“
„Ja, wie der Tobias Bleichenwang sagen: Mich hat auch mal eine lieb gehabt. Zärtlichkeit ist wunderschön, ja, das weiß man ja schließlich, ja, man entbehrt sie sogar manchmal, — nun, das kann ja alles noch kommen. Warum fragen Sie überhaupt immer so aufdringlich?“
Georg lachte: „Sie brauchen ja nicht zu antworten! Setzen Sie übrigens Zärtlichkeit mit Liebe gleich?“
„Das nicht“, meinte der Maler.
„Zärtlichkeit, Wollust und Liebe, das sind die drei unterschiedlichen Liebesempfindungen,“ sagte Georg, „nur wo alle drei vorhanden sind, ist das Gefühl vollkommen.“
Ob er das meinte, fragte Bogner. Ja, also Liebe ... Nach einer Weile, vor dem posaunenden Engel stehend, fuhr er fort, daß er auch die Liebe ganz gut zu kennen glaube; er habe sich darin versucht gewissermaßen und sie immer verschieden gefunden, auch sehr angenehm, besonders im Anfang: März. Aber es sei ihm zuletzt doch immer nur vorgekommen wie ein Absud von männlichem und weiblichem Geschlecht, im Tiegel so lange gemischt und geschüttelt, bis er einfach erschien; in Ruhe gelassen sonderte sich beides alsbald, männliches sank, weibliches schwamm oben, es habe wohl irgendein wirklich bindendes Element gefehlt. Er sprach undeutlich, da er abgewandt stand. Georg sagte, eben das wäre es, darauf käme es an, das Element sei zu finden, sei zu suchen.
Suchen? meinte der Maler. Wer denn dazu Zeit habe? Auch sei’s wohl klar, daß, wenn es dies Element wirklich gäbe, es einzig sei, wirkbar nur bei einzigartigen Menschen, immer zwei auf zwanzigtausend.
„Ja, ja!“ rief Georg entzündet, „Sie bringen mich auf einen Gedanken! Zum Beispiel Romeo und Julia. Was sind die Beiden? Ein liebender Geliebter, eine liebende Geliebte; sonst nichts. Womit beschäftigten sie sich? Mit ihrer Liebe. Hatte Romeo einen Beruf? Kümmerte ihn die Geschlechterfehde? Er und sie hatten nicht Eltern, nicht Geschlecht, nicht Volk, nicht Stadt noch Heimat; alles dieses war belanglos wie Tisch, Bett und Gartenbank, von denen nichts vorhanden war, solange nicht ihre Gemeinsamkeit ihrer bedurfte. Nichts gab es außer ihnen als die Freunde, die ihrer Liebe beistanden, und den Tod, der das Gift in Adeptengestalt verkaufte. Aufgelöst waren sie in jenes Element, in dem sich alles mischen mußte zu einer einzigen Riesenempfindung. Ja —“ setzte er zögernd hinzu, denn Tozzis Gesicht erschien ihm: „vielleicht ist es also — der Tod?“
Der Maler war von ihm fortgegangen und stand bei der Tür, einen ausgestreckten Arm gegen den Rahmen gestemmt, in den Raum hereinblickend zu seinen Engeln.