Eine leise Melodie, von Benno gepfiffen, ein kleines, getragenes Stück in Moll, zärtlich, feierlich, plötzlich abbrechend, wehte an Georgs Ohr, einmal und noch einmal. Er fragte: „Was ist das, Benno?“

Ja ... es sei das Thema des ersten Satzes: Sehnsucht nach der Ebene. Und übrigens hätten sich ihm, als er es fand, von selber die Worte unterlegt: Denk ich an Deutschland in der Nacht ...

„Ach, denkst du an Deutschland in der Nacht, Benno?“

Benno schwang einen Arm, warf den Kopf zurück — Georg konnte die Haare im Dunkel flattern sehn — und war ein wenig entrüstet. Ob es nun vielleicht eine Schande sei, Heimweh zu haben!

„Ach,“ sagte er, „ihr seid ja nun Alle Europäer! Aber wenn du dichtest, Georg, dichtest du dann vielleicht europäisch? Dichtest du international?“

„Aber die Musik, Benno? Überhaupt alles Geistige, Kunst, Wissenschaft, sind sie nicht allgemein?“

„Der Stoff, Georg, ach natürlich doch, der Stoff! Sind wir nicht Alle Menschen? Der Gedanke der Verbrüderung ist natürlich herrlich! Aber im Geist war sie doch immer schon da, und dem Bauern und dem Handwerker, wenn er einen Schrank macht oder Rüben baut — was soll dem Verbrüderung? Keine Feindschaft soll sein, keine gegenseitige Verachtung, alle sollen sich gelten lassen und ertragen, jawohl, aber — das ist doch weiter nichts als Menschenpflicht, da ist doch der nächste Nachbar der nächste Anlaß, dergleichen zu üben, und wozu brauchts da fremde Völker und Erdteile? Das Gute kommt doch immer von selbst.“

Benno mußte schreien, so laut war nun der Donner der Brandung. Georg sah im Finstern vor sich die Zaunpfähle am Rande des Abgrunds; jetzt bog ihr Weg ab und begann langsam anzusteigen; alsbald erschien auch der Schattenriß des kleinen Pavillons über ihnen in der Nacht. Georg sah Helenenruh, das weiße Haus, Wiesen und Park, eine sonnige Insel; dann erschien die Goethestraße in Altenrepen, sein Schulweg, das rote, vielfenstrige Haus mit der Sonne überm Türmchen. Ja, er hatte wohl auch ein wenig Heimweh ...

Sie betraten den Bretterboden des Pavillons, traten an die hölzerne Brüstung und stützten sich darauf. Alle Hörner der See stießen ihr gewaltiges Gebrüll aus; sich überneigend sah Georg, schaudernd vor der Tiefe, den weißen Gischt, wie er sich wütend aufwarf und zerflog. Da war nun, unsichtbar, unermeßlich nach Westen hin die schwarze, bewegliche Meeresebene, meilenweit kalte Wasser, Bergtiefen der Gewässer. Ein, zwei rötliche Lichter in der Ferne schienen eine Küste zu bedeuten, aber es waren Schiffe, in ungeheurer Einsamkeit verlassen durch die schwere See hinstampfend, aber innen in ihnen war es doch wieder warm und hell, waren Tische und Lampen, Keller und Lager voll Geruch von Teer und Waren, Kabinen voll Schlaf ... Seltsam, diese winzigen, fahrenden Wohn- und Kaufhäuser in der Meeresfinsternis ...

Georg ließ sich auf die Bank nieder, leise betäubt vom Brausen der Tiefen, Benno blieb am Pfeiler stehn.