Nun konnte sie strahlend lächeln und rief: „Das Schwerste von der Welt ist grade noch leicht genug für Renate Montfort!“ Sie stampfte leicht mit dem Fuß auf: „Weißt du das nicht?“

„Doch!“ sagte er ehrlich. Alle weiteren Worte schnitt sie mit einer Handbewegung ab, ging zur Tür, drückte auf die Klingel und blieb dort wartend, die Hand am Klingelknopf, indem sie lächelnd auf den Herzog blickte, der sich umgewandt hatte. Als das Mädchen kam, bat sie um eine Vase für die Blumen und um noch ein Gedeck für den Herzog.

„Ich habe Hunger,“ sagte sie freundschaftlich, „wollen Sie mit mir frühstücken? Wir müssen uns beeilen, um neun Uhr kommt Georg und holt mich zum Festspiel.“ Als sie an ihm vorübergehen wollte, merkte sie, daß er nach ihr greifen wollte, schlug geschwind einen Bogen, raffte ihr Kleid vorn mit beiden Händen und lief schwebenden Schrittes und vor sich hinlächelnd zur Tür des Frühstückszimmers; dort blieb sie stehn, ließ ihr Kleid fallen, lehnte sich mit dem Rücken gegen die Türfüllung, faßte den Rahmen mit den Händen und sah ihn so von dort aus an, lächelnden Mundes, mit weit offnen, liebevollen Augen. „Komm!“ verlockte sie, kaum die Lippen bewegend, und dachte: Ich habe ja Künste in mir aufbewahrt, — oh, dann will ich sie brauchen! — Damit ging sie leicht und die Stirn gesenkt wieder bis zu ihm und reichte ihm die Hand. Während er sie an die Lippen hob, neigte sie den Kopf tiefer und tiefer, unvermögend, einen Gedanken zu fassen.

Renate kam erst eigentlich zu sich, als sie am Tische saß, dem Herzog gegenüber, Kaffee in seine Tasse füllend. Da merkte sie plötzlich, daß ihre Augen heiß und feucht wurden, sie setzte hastig die Kanne hin, schüttelte, den ängstlichen Ausdruck in seinen Zügen gewahrend, den Kopf, daß zwei Tränen abfielen, und sagte ernst: „Lieber, ich habe dies Haus hier zu hüten, was soll ich tun? Ich habe mir geschworen, nicht hinauszugehn, als bis alles wieder so ist, wie ich kam, — ja, das tat ich nun,“ sagte sie fest, „das müssen wir behalten. Du weißt ja alles vom Onkel, ich kann ihn nicht im Stich lassen. Was ich mir gedacht habe, kann ich dir auch nicht sagen, aber das ist auch gleich; du bist nun gekommen, und es muß wohl irgend etwas geschehn. Du mußt dich gedulden, bis ich das erledigt habe. Rede ich zuviel?“ fragte sie wehmütig, lächelte ihn an und streckte ihre Hand über den Tisch nach ihm hin, zog sie aber schnell fort, als er danach faßte, ergriff ihre Weißbrotscheibe, zog den Honigtopf heran und begann zu essen.

„Mein Sohn Georg“, hörte sie den Herzog sagen, „hatte einmal eine Redensart, die hieß: quid quod? auf deutsch: Was soll man dazu sagen? Also ich sage: quid quod? Nämlich,“ fuhr er eiliger fort, während sie leise lachte, „ich wollte ja erst morgen kommen, wenn all das mit Georg erledigt sein würde, aber heut morgen hat es mich doch übermannt.“

„Oh,“ meinte Renate nachsichtig, „zu früh aufstehn kann man nie.“

„Und den Tag über heut“, fuhr der Herzog fort, „habe ich keine Zeit; da mein Sohn Festspiele aufführt, muß ich die Gäste empfangen, und heut nachmittag sind ja die großen Vereidigungen.“

Die großen Verneigungen ... klang es sonderbar in Renate, sie suchte, wann und wo sie das einmal gehört hatte, hörte zerstreut zu, was der Herzog sagte, ohne etwas zu verstehn, und wurde langsam mit Essen und Trinken fertig. Plötzlich übergoß es sie dann, da sie den Herzog groß dasitzen sah, mit durchdringenden Augen, während er sagte: „Sie sind ja so über alle Begriffe schön, daß — — daß —“

Die drei großen Verneigungen, klang es wieder, die drei großen Verneigungen. Dann merkte sie, daß er Sie gesagt hatte, und gerührt von dieser Zartheit, erhob sie sich, ging um den Tisch zu ihm hin und legte einen Arm um seinen Nacken. Langsam hob er das Gesicht, sie beugte sich und küßte seine Stirn.

„Genug für heut,“ sagte sie mit plötzlicher Entschlossenheit, „und nun muß ich mir das Haar machen lassen, in einer Stunde kommt Georg.“