„Georg,“ sagte der Herzog aufstehend, „ja, ist er eigentlich blind?“
Renate verstand nicht, obwohl sie gut verstand. „Leb wohl“, sagte sie und streckte die Hand aus.
Wieder stand er vor ihr, sehr groß, fast überwältigend, und sie bebte leicht, bog sich zurück, ließ aus aller Glut, die sie in Schnelle zu sammeln vermochte, einen strahlenden Schein aus ihrem Antlitz über das seine gehn, verschattete sich wieder, neigte kurz das Haupt und ging, von ihrer Seide umrauscht, mit kleinen und festen Schritten hinaus.
In ihrem Zimmer oben stand sie, an unfaßliche Vorstellungen verloren, so lange, bis die Zofe mahnte; die nächste halbe Stunde verging ihr gedankenlos unter dem mühseligen Aufbau ihres Haars und der Zieraten.
Verkleidung I
Georg erwachte, hob langsam die Lider und sah, daß es Morgen war. Ungeblendet sahen seine Augen ins Zimmer, — ja, wie ist mir denn? dachte er, — oh, mir ist wunderbar! — Unvermutet mußte er die Arme mit geballten Fäusten von sich stoßen und aus dem Bett springen; im Aufsprung taumelte er, stolperte auf einen Stuhl zu und hielt sich daran, lachte und hielt erstaunt einen kostbaren Gegenstand in der Hand, eine seidene Strumpfhose, deren eines Bein weiß, das andre schilfgrün war. Das ist ja meine Hose, dachte Georg, ah, nun merke ich, daß der wunderbare Tag anfängt. Er bauschte in den Händen die weiche Seide zusammen und betrachtete entzückt die hineingestickten Wappen, Blumen und Ornamente von Silber auf beiden Beinen. Da hing auch der Rock überm Stuhl, gleichfalls zur Hälfte weiß, zur Hälfte grün, und am Bügel darüber der kurze Mantel, tiefblau, glänzend von Seide, mit Hermelin leicht verbrämt, und am Stuhl lehnte die Laute, still, umschlungen von weißen und schilfgrünen Bändern, — alles genau so, wie er selber es am Abend zuvor aufgebaut hatte. Nun sprang er ans Fenster, riß den Vorhang auf und bemerkte enttäuscht, daß es grau draußen war; aber siehe, der Himmel blendete leicht, naß und schwer hingen die Büsche und die Hopfenranken jenseit des Weges, und schon glaubte er zu sehn, daß dieses Morgengrau mit goldenen Hefteln, zum Abstreifen lose, befestigt war. Die Sonne kommt, frohlockte er, Renate kommt, und nun bin ich Großherzog. Seine Brust dehnte sich schwer, er mußte einen Augenblick die Hände darauf drücken, er suchte die alte Angst im Herzen, aber nichts da, nichts gab es als eine seltsam üppige Kraft, ein stilles Feuer, von dem sein Innres glühte bei seltsam klarem Kopf. Nie war mir so wohl, flüsterte er sich zu, nie im Leben, ach das ist ja herrlich, ich möchte — was möchte ich nur? Einen Kiefernbaum ausreißen und den Staub von Renates Türe kehren, ja, das möchte ich! — Aber erst will ich baden.
Er streifte den Schlafanzug ab, ging nackt ins Badezimmer und stellte sich unter die kalte Brause. Da ward ihm so unbändig zumut, daß er glaubte, er sei berauscht. Ich habe doch Wein getrunken in der Nacht, aber eine solche Wirkung habe ich noch all mein Lebtage nicht bemerkt. Er trocknete sich flüchtig ab, trat dann mit einem plötzlichen Entschluß an das Fenster, und — jetzt in einer süßen Beklommenheit zum Beten entschlossen — öffnete er die Flügel. Er blieb so, die erhobenen Hände an den Fensterflügeln, sehr aufrecht; und nun, aus blinder Beschämung, alles vergessend, hineinwachsend, als ob er sauste, in eine Inbrunst ohnegleichen, in der er, wie in gewaltigen Schwingen stehend, zum sicheren Absturz in unendliche Tiefen bereit war, sammelte er die Worte der Andacht.
„Licht, du selber verhülltes!“ sagte er, „sieh mich nun! Verhüllt, siehst du mich doch. Sieh mich nackt, sieh mich auf meinem Gipfel! Groß ist der Tag, zu dem ich entschlossen bin. O Licht, du siehst, ich bin heiter, — aber nicht würdelos, nein. Nein, sieh doch die letzte Stunde der Freiheit, gönne mir, noch einmal heiter zu sein, gönne mir noch einen Flug, noch diesen Trunk aus dem Leichten, diesen Kuß der schönen Vergänglichkeit! Dann will ich die Arme gern ausstrecken, die eisernen Handschellen darumlegen zu lassen, die ich mir selber geschmiedet habe. Verachte mich heute nicht, Licht, entzieh mir nicht deine ewige Gnade, erleuchte mich morgen und allezeit, laß mich, wie in diesem feurigen Augenblick, nur allezeit wahr sein, ganz sein, der ich bin, wahr, wahr, ein Gemächt des Schicksals, aber ein stolzes!“
Er öffnete die schamvoll geschlossenen Augen, da ihn die Worte verließen, wandte sich und atmete, als wäre er in sich zurückgekehrt, tief auf, gleichsam beruhigt, sich so einfach zu finden. So einfach, ja, aber auch so hundertfältig wohl.
Aus den Poren seiner Haut strömte nicht Wärme, sondern Kühle; von sich selber umfächelt trat er vor den Spiegel und war durchaus mit sich einverstanden, außer mit seinem Gesicht, das stark gemagert war, — ja, das war gerechte Folge der Arbeitsmonate, — und dafür hatte er seine Augen noch nie so groß und leuchtend gesehn; sie blitzten wie durch Glas, und die Pupillen schienen ihm vergrößert, als hätte ihm jemand Belladonna eingegeben. —