Georg begann sich anzuziehn, die seidenen Hosen auf die nackte Haut, eine kühle Wonne, in die er sich kleidete. Dabei fiel ihm ein, daß er schwer und seltsam geträumt hatte bei Nacht. Er besann sich, auf dem Bettrand sitzend, die Hosen erst halb übergestreift, und für einen Augenblick wälzte sich schwer und wolkig ein Stück Nacht in sein Innres, gefüllt mit schaurigen Beängstigungen. Ich stürzte ja immer, erinnerte er sich, zuletzt von einer Klippe ins Meer, — wie war es doch nur? Sonnenuhr ... aber die Ziffern waren Menschen, und ich — ich konnte meinen Platz nicht finden. Nein, viel schlimmer waren ja diese Gugelmänner! Und wie sie fortwährend schwanden! Dann redeten sie kostbare Dinge, Verse glaub ich, die mich durchschauderten, aber das habe ich schon oft erlebt, daß mir im Traum etwas wunderbar erschien, was sich im Wachen als sinnlos und albern herausstellte. Als Esther noch lebte, träumte ich einmal eine ganze Novelle von ihr, noch im Wachen war ich entzückt davon, und dann zerstob es wie Nebel in sinnlose Stücke; daß eine Droschke darin vorkam, weiß ich noch. — Sieh da — habe ich nicht auch den Orion gesehn diese Nacht? Den Orion, den Winterstern! ist es zu sagen ...

Kaja ...

Plötzlich sanken ihm die Hände, er erschrak, aber — was war denn zu erschrecken? Er suchte und fand nichts, als wieder dies Wort Kaja, und dann — er lächelte — ach, meine Mutter, sagten die Schwarzen, habe Kaja geheißen. Ich Kajus, nehme dich, Kaja, so hieß doch die alte römische Trauformel, und: Wo du bist, Kajus, da bin auch ich, Kaja. — Es ist aber doch eigentlich schauerlich mit dem Träumen, dachte er, aufstehend und den Hosenbund zusammenschnürend, sie machen, was sie nur wollen, mit uns, wir müssen lieben oder hassen, bekämpfen oder fürchten, ganz ohne unser Zutun, und was uns längst abgetan schien, das kommt wieder, immer wieder, auch die Toten ...

Überdem war er wieder vor den Spiegel geraten und vergaß alles über dem unverhofften Glanz seiner Beine. Dann fuhr er in den Rock und hakte ihn zu, von der Achselhöhle zur Hüfte; er fiel über die halben Oberschenkel herab, in der Mitte leicht eingerafft; die Ärmel, der weiße und der grüne, umgekehrt wie die Farbteilung der Beine, lagen eng wie die Haut selber an, aus dem Halsausschnitt kräuselte sich der gewellte Ring des Hemdes am Halse empor. Während er das verwirrte Haar mit dem Kamm glättete, sah er im Spiegel, daß draußen das Grün schon leuchtete und sich vergoldete, und plötzlich glänzte es zu seinen Füßen, und ein breiter Streif Sonne stand, in Milliarden Stäubchen schimmernd, mitten im Zimmer. Ach, und kühl war es, kühl! Er griff nach dem kurzen Schwert, dessen Gürtel über der Stuhllehne hing, und der aus verhakten Quadraten von Silberfiligran und dunkelblauem Email bestand; die Klinge stak in schwarzlederner Scheide mit silberner Spitze. Er nahm den Gürtel auseinander und legte ihn um die Lenden, unterhalb des Leibgurtes, wo er an kleinen Haken festhing. Auf die Uhr blickend, fand er, daß es gleich dreiviertel Neun war, er eilte ins Eßzimmer und aß mit starkem Hunger Eier, Brot, kalten Braten und warmen Haferbrei mit Milch. Im Hause war es still, Egon mußte längst draußen sein, auch die Hausmeistersleute waren gewiß schon auf der Wandrung zu ihrem Tribünenplatz.

Georg legte die Zigarette unangebrannt noch einmal fort, trat in die offne Gartentür, atmete tief und lang die Kühle des Morgens und begrüßte mit immer leichterem Herzen die hervorsegelnden Bläuen überm Nebelmeer der Lüfte. Sein Gesicht zuckte von innen heraus mit Lächeln und Freudigkeit, kein Gedanke tat sich hervor, er konnte nur atmen und sich wohlfühlen und dem Himmel danken, daß er Augen hatte zu schaun, Lungen zu atmen und eine brennende Seele, die alle Welt umher an sich zog wie Luft, um sie zu verzehren und höher davon zu leuchten. Alles funkelte ihn an, jede Farbe, das Grün, das lichte Gelb und Zinnober der Stockrosen; das Blau der Glockenblumen im Garten schien ihm noch einmal so tief, er begriff es nicht, er wollte es nicht begreifen. Keine Kontur war je so deutlich, kein Blatt ihm je so stark und lebendig gekrümmt, gezahnt und beschattet erschienen, ach, wie mußte erst blühen Renate! — und er kehrte um, lief zur Tür, besann sich auf seine Laute, suchte sie in allen Zimmern, dachte: sie wird brausen und klingen unter meinen Fingern, obwohl ich keinen Griff verstehe, fand sie endlich auf dem Bett, halb unter der Decke, sprang auf den Gang und zur Tür hinaus, wo bei Gott ein Automobil stand, als wäre es hergezaubert. Nach einem kleinen Versuch, mit dem Kopf voran durchs Fenster ins Innre zu springen, öffnete er ernsthaft den Schlag, schrie dem Kutscher zu: Güntherstraße fünf! warf sich in den Rücksitz und schloß die Augen.

Wenn wir nur erst zu Pferd wären! wünschte er begierdevoll und öffnete die Augen wieder; sogleich wogten zu beiden Fenstern bunte Stürze von Stoffen, Fahnen, Blumen und Bewegung herein, er packte die Ringe der Vorhänge und zog sie straff herunter, er wollte nichts sehn, wollte die ganze Vollkommenheit des Schauspiels sich bewahren, drückte sich wieder in die Ecke, stöhnte vor unbezwinglicher Ungeduld und kniff die Augen zu. Alsbald brandete die Woge der Erregung wilder und kälter um sein Herz, so daß er sich leiblich umklatscht fühlte von einer großartigen Kühle, die ihn trug und aufrecht machte, ja, deutlich unterschied er im lauten Toben seines Blutes die geistige, fast eisige Stille seiner Kaltblütigkeit. Sein ganzer Leib dehnte sich in allen Fugen und Nähten vor fiebrischer Erwartung Renates, es knatterte in ihm, wie eine Stichflamme aufschießend mitunter, schien er sich als ein riesenhaft gebauchtes Segel, eine tönende Gefäßwand voll praller Windvölle über einem tosenden Geroll strömender Wasser zu stehn, zu prasseln, zu fliegen, unsagbar leicht und straff, strotzend von Kräften. Draußen unsichtbar, dumpf murmelnd und brausend, rollte das farbenreiche Getümmel der sich zur Freude sammelnden Mengen, und mit ihnen — so war es! — rollte aus allen Fesseln die Gewalt seines durchkühlten Bluts, schlug wogenhoch an Häuserfronten, spritzte klatschend zu Fenstern hinein, wirbelte um auf Plätzen und ergoß sich vollen, stürmischen Schwalles durch die Gassen, während er selber dasaß, wie ein Gott in sich zuhaus, in einer flammenden Wolke von Inbrunst, berauschten, tönenden Herzens, in den Ohren Musik und Gelächter, die Lippen überquellend von Jubel; und um so lautloser all dies in langen, lang schwankenden Minuten sich ergoß, um so magischer war es auch, — wie Legende, so wars. Und schon hielt der Wagen an.

Verkleidung II

Und schon sprang Georg, federnd wie ein Ball, von sich selber um- und angeschillert mit seidener Buntheit, durch einen fremden, sonnigen Vorgarten, auf ein fremdartiges, grau und sonniges Haus zu, über Stufen hinweg durch ein gläsernes Tor, warf sich durch einen kühl dämmrigen Flur wohlbekannten Geruches, vorbei an wohlbekannten Bildern, Spiegeln, weißen Türen auf eine dämmerweiße Doppeltür zu, die von selber vor ihm sprang, und schon stand er vor dem Wunder.

Lavendelblaues Wunder! Er stand nicht, er stürzte an den Boden, leicht, in sich gefaßt, geworfen und gehalten, auf das rechte, gebogne Knie, die Arme aufwerfend und breitend und senkend, die flachen Hände angeströmt von Lust und Glanz, das Haupt im Nacken, brausend unter allen Gliedern wie ein niederströmender Aar aus Lüften und Gewölk, und rief mit heller Stimme: „Herrlichkeit! Herrlichkeit über Herrlichkeit! ich bin da, ich bin gekommen!“

Renate, unter sich Georgs lachendes, magres, knabenhaftes, leuchtendes Gesicht, bewegte sich nicht, da Magda hinter ihr den Schleier auf ihrem Kopf befestigte, sah steifen Gesichts, die Augen gesenkt, auf ihn nieder, faßte, um ihn zu begrüßen, in die Falten ihres Kleidrocks über dem Knie und hob ihn an, so daß der starre Saum von Silberbrokat an sein Gesicht rührte. Er faßte mit beiden Händen zu, Inbrünstigkeit spielend, so tief er sie empfand, und küßte sie lachenden Mundes. Dann bat er um Erlaubnis, aufstehn, und nachdem sie ihm gewährt worden, die Wundererscheinung betrachten zu dürfen. — Renates Gelächter schwang über ihm wie eine Glocke, da sie erklärte, das Wunder sei erst halb, noch fehlten die Überärmel und der Mantel, ja, es sei alles schon verpackt, jedes zu seiner Zeit ... Georg stammelte, daß er dann nicht wüßte, wie er das Ganze ertragen solle, und fing an, um sie herumzugehn. — Ihr Haar sah er, das bräunliche; es schimmerte durch ein fabelhaftes Netz von großen Perlen, vorne aber fielen die Zöpfe, wie Taue so dick, Haarsträhnen, durchflochten mit Perlenschnüren und schilfgrünen Bändern, über die Brust bis zu den Knieen herab, und die Enden der Bänder bebten bei jeder Bewegung leise dicht über den Füßen in silbernen Schuhen. Die lavendelblaue Seide, grauschiefrig schillernd in der Nähe der Nähte, umschloß Brust, Leibesmitte und Hüften eng, ergoß sich dann in großem, starrem Faltenwurf; vom runden Ausschnitt des Halses senkte sich zwei Hände breit eine glitzernde Borte von Silberbrokat vorn herab bis zum Saum, der starr stand, drei Hände breit, silberner Brokat. Und in all dem Silbernen, dem lichten Blau, Perlweiß und lichtem Grün glühte das meilentiefe Blau ihrer Augen, hauchte die rosene Zartheit ihrer Wangen, glühte das Rot ihrer Lippen, der göttlich geschwungenen, alles in allem ein Pokal voll Unersättlichkeit, in den Georgs Herz hineinsprang mit einem Satz wie ein Panther. — In der Nacht, wo ich dies umarme, dachte er, werde ich sterben und das ewige Leben davontragen wie eine Harfe, auf der ich — ach, ich weiß es nicht, aber warum sage ich es ihr nicht? Ich werde es ihr sagen, doch nicht jetzt, am Mittag vielleicht, am Abend, ich will — noch — noch! — kein Band und keine Fessel zu ihr hinüber als mein trunkenes Empfinden, und er sagte: „Jetzt wollen wir fahren. Aber Magda, — was ist denn mit dir? kommst du nicht mit?“