Sie schüttelte lächelnd den Kopf und sagte: erstens müßte sie das Haus hüten und den Onkel ...
„Und zweitens?“
Zweitens hätte sie kein Kleid. Er erinnere sich ja wohl noch, daß er selber das Gebot erlassen habe, daß niemand in andrer als in alter Tracht sich heut öffentlich zeigen dürfe ...
Georg mußte es zugeben. Allein in plötzlicher Liebe zu ihrer dürftigen Gestalt, bestand er darauf, ihr am Abend das Feuerwerk und den Tanz in den Gärten zu zeigen. Ob sie nicht eines von Renates Trachtkleidern anziehen könne, — und nun gab sie gerührt nach.
Und schon saß Georg, nachdem Renate lächelnd zugegeben hatte, daß er die Vorhänge herunterzog, auf dem schmalen Rücksitz des Wagens ihr gegenüber, genau genommen, dachte er, in ihr, denn sie füllte den halben Wagen mit ihrem Kleid und den Luftraum ganz mit Duft und Blühen. Sie schauerte ihn an wie atlantischer Wind, er schloß die Augen und sah sie in brennenden Umrissen dasitzen, in ihrer sinnenden Haltung, die sie liebte, die er liebte, das Kinn in die rechte Hand gestützt, den Ellenbogen auf dem übergeschlagnen rechten Knie, in der Linken im Schoß den kostbaren Haufen ihrer Zopfenden und der Seidenbänder. Ihr leibliches Leben strahlte über und über aus ihr; in allen Falten raschelte, in allen Nähten lief, im äußersten Saume brannte und zitterte noch die Süßigkeit ihres rosigen Lebens. Georg sah und sah, — sah alles Unsichtbare: unter dem lavendelblauen Kleidhimmel wie eine lockre Schar schneeweißer Fittiche das Gewoge ihrer Leibwäsche in weißer Dämmrung; darein stiegen von unten, aus Silberschuhn, die schlanken Schäfte ihrer Beine, glatt bespannt mit blauem Flor; da wölbten sich unbeschreiblich die Rundungen der Knie, blau bespannt bis zu einer Handbreit höher hinauf, wo es kaum sichtbar schimmerte — nicht wie Marmor und nicht wie Rosen, wie Schnee nicht, noch Elfenbein, noch Mandelblüte, — Magnolie vielleicht, — nein, davon nichts, sondern lebendige Haut, unfaßliche Glätte, Süße, Hauch, Schimmer, Duft, Verwirrung aller Sinne unter dem weißen Spitzenschaum und — Georg dehnte ein wenig die Brust, breitete die Arme zu beiden Seiten aus, sich anlehnend, und suchte umsonst zu begreifen, wie er so gelassen dasitzen konnte, die sanften Schwellungen ihrer Brust offnen Auges betrachtend, dazu die zarte Linie ihres Profils, der gebogenen Nase, lieblichste Wölbung der Oberlippe und flügelnde Entzückungen der tiefgezogenen Mundwinkel, von kaum sichtbarem, weißem Fruchtflaum umhaucht, — anstatt in all dies hineinzuwühlen Haupt und Mund und erblindende Augen, an allen Sinnen gesträubt und betäubt, geglättet, unersättlich, rauchend und begraben im klirrenden Schutt seines Daseins.
Fahrt
Renate, still vor sich niederblickend, sehr glücklich, atmete tief und leicht, gewahrte von Georg gegenüber in der sonnigen Dämmrung des kleinen Raums den Schatten seines blassen Gesichts, dachte an seinen Vater, lächelte sanft auf, indem sie bemerkte, daß sie ja seine Mutter sein würde, blickte ihn voll an und fand ihn so hübsch, so liebenswert, so jung und schmal wie je; freilich nur ein schmaler Baum war er neben dem Turmbau seines Vaters.
„Wie mager Sie geworden sind, Georg,“ sagte sie leise bedauernd.
Die letzten Wochen, erklärte Georg, seien schon schlimm gewesen, er habe sich hineingefressen in den ganzen Trassenberg und kaum Atem geschöpft.
Sie fand ihn leidender aussehend, während er so sprach. „Und obendrein waren Sie krank“, sagte sie.