Da hier nun Geist zu Geist redet, mein lieber Papa, so unterließ ich bisher eine meinen Körper betreffende Mitteilung von nicht besonderer Wichtigkeit. (Immerhin giebt es auch an ihr etwas Bedeutsames.) Ich bin nämlich krank gewesen, ja, und denke Dir, es war aufs Haar genau dieselbe Krankheit, an der Sigune starb! Ist das nicht besonders merkwürdig? Genau die selbe! Und sie starb daran, und ich lebe. Welch ein unmenschliches Glück, nicht wahr, für diesen Knaben Georg? Denn wohin wäre er gelangt, wenn er jetzt schon gestorben wäre? O die Tiefe ist ja nicht auszudenken! Nun blieb ich am Leben und bin Dir um so viel näher immerhin, das heißt: Du mußt verzeihn, wenn meine Berechnungen vielleicht ganz unsinnig sind, denn was sind Entfernungen in unserm Land? Dein letzter äußerster Strahl gelangt bis zu mir mit solcher Kraft noch, daß er mich zu blenden vermag, und das ist alles, was ich weiß.
Darüber müssen wir noch viel reden zusammen. Denn ich weiß nicht: mir wird eigentlich tagtäglich schwerer und unseliger zumut. Du bist so schwer zu fassen! Früher, ach weißt Du noch? ‚Wie wir einst in grenzenlosem Lieben — Späße der Unendlichkeit getrieben ...‘ Ja, damals war alles leicht.
Und wenn schon die gewöhnlichen Menschen sagen, der Tod trennt, und es manchmal kaum zu ertragen wissen, was soll da erst ich sagen? Sie haben es doch leicht. Um die Trennung des Todes aufzuheben, was brauchen sie nur zu tun? Sie legen sich hin und sterben gleichfalls. Haha, es ist fabelhaft! Legen sich hin und sterben. Ich aber, ich? ich muß noch lange, lange leben, muß schaffen und streben und mein goldenes Kleid aus lauter verknöselten Fäden weben.
Ach, und es geht mir so schauderbar viel durch den Kopf, was ich nie im Leben zu Papier bringen werde. Ich glaube übrigens, es wird besser mit mir werden, wenn ich erst wieder gehen kann. Dann läuft sich vieles so an den Sohlen ab. Aber die Beine, o je! Ja, das kommt von der Krankheit. Glaube mir, Papa, es war die reine Hölle! Ich will mal sehn, ob ich es Dir beschreiben kann.
Das Schlimmste war — abgesehen von dem ganz, dem besonders Schlimmen — das lange Fahren. Immer dieser merkwürdige Wagen ohne Pferde, in dem ich vorne so angeschmiedet saß, als wäre ich ein Stück mit ihm, und neben mir auf dem Bock — meist war es wohl Helene, die fuhr, aber auch Andre müssens gewesen sein, die allesamt, wenn ich mich recht erinnere, munter und gesprächig waren — untereinander —, während ich selber keinen Laut äußern konnte und nichts begriff und nichts fühlte als den entsetzlichen Druck, in den mein ganzes Sein eingepreßt war. Und dann die schaurige Langsamkeit! (Seltsam, wenn wir uns sagen, daß es in Wirklichkeit doch kaum Minuten waren, während ich umgebettet wurde, und doch diese Unendlichkeit, zu der das Delirium die Minuten dehnte! Es ist also gewiß, daß es nur außerhalb unsrer, und für uns nur insofern wir mit dem Äußern in bewußter und vernünftiger Beziehung stehn, Zeit giebt, nicht aber in uns selbst.) Fahren, fahren und nicht vorwärts kommen, manchmal zwischen den unsäglich grauen Feldern, ohne Himmel, jedoch immer bedrückt von der schweren Niedrigkeit, unter der sich alles bewegte, dann wieder die endlose Mauer entlang, endlich durch die Höfe, die zahllosen Höfe, dann die Räume dieses öden Hauses, das nichts hatte als seine Wände, langsam, grauenvoll langsam, immer wieder Stillstand, bis ich endlich lag, angeschmiedet wieder ins Liegen wie zuvor in den Sitz (und es kam wohl, weil sie mich unter den Armen und Knieen faßten beim Umbetten, daß ich mich so in halb sitzender Stellung befand — das Fahren! — jedoch schwer hing und nicht saß), bis ich dann merkte, daß sie mich ja wieder aufgehängt hatten, an den Füßen aufgehängt an der Wand, ohne daß ich mich bewegen konnte, wobei ich doch nicht eigentlich hing, sondern lag — ein im Wachen nicht vorstellbarer Zustand, das heißt ich hing, aber um mich herum war alles, wie wenn ich wagerecht läge. Und daß dies immer wieder kam! Und immer waren sie Alle herum, Onkel Salomon, Magda, Renate, Du Papa, Virgo, Schley, Klemens, sprachen miteinander, nichts war für mich zu verstehn, ich flehte, ich war für sie gar nicht vorhanden. Es war die Hölle! Ich glühte festgegossen, hing, — ach, Sigune, hast du nicht auch so gelegen, den Kopf hintenüber, das Genick schon versteift? Hast du nicht ganz das selbe ertragen? Sieh, so habe ich es dir nachgelitten!
Doch war dies alles ja nichts gegen — das Große.
Mich friert, wenn ich nur das Wort denke. Beschreiben kann ichs Dir nicht mehr, es läßt sich ja nur träumen. Es war nur Empfindung. Es war Nacht, — und ich war selber die Finsternis. Ich war ausgedehnt und überall. Es war das Große, das ungeheure schwarze Wälzen vor mir, über mir —, und ich selber war das Wälzen. Ich war zum Giganten geschwollen und hatte eine entsetzliche Angst, nicht wieder klein sein zu können. Ich sollte das Große umwälzen, es war ein grauenvoller Drang, umzuwälzen, und es wälzte mich um. Es war eine so wahnsinnige Angst ... Nein, kein Großes, kein Wälzen, kein Ich. Nur Angst. Es war das Sterben.
Und doch — ich erinnere mich — es war schon einmal da, das Große. Wie ich die Masern hatte als Junge, war es da, und als ich, ganz klein, Lungenentzündung hatte, muß es dagewesen sein. Ja, und damals selbst kann ich es nicht zum ersten Mal erlebt haben; damals schon — ich erinnere mich — muß ich mich erinnert haben, wie ich mich heute erinnere. Und ja — mein Gott! ich glaube, das Fürchterlichste war die Erinnerung, daß es schon einmal da und damals schon nicht zum Ertragen gewesen war. Und Erinnerung eigentlich war die ganze Angst, — aber wann? wann?
VI
Dieser besonders gute Jason war eben da und erzählte mir etwas Niedliches, das ich meinem lieben Papa nicht vorenthalten will, doch muß ich einige Erklärungen vorausschicken.