Gute Nacht, Papa, ich bin heute zu abgespannt zum Schreiben. Dies mit Benno hat mich auch wieder recht aufgeregt. Armer Benno! Da hängt er nun wie der selige Absalon mit seinem langen Haar an den Ästen meines Nervenbaums, und noch habe ich die Kraft nicht, ihm den Gnadenstoß zu versetzen. Ach, könnte ich nur gleich den ganzen Baum bei den Wurzeln abhacken und ins Feuer werfen! Etwas derart muß ja geschehn, ich weiß, damit die Seele ganz frei und rein werde — für Dich! Du willst keine Götter neben Dir haben — o nimm doch nur, nimm alles, was Du willst, wäre es nur mehr, was ich geben könnte, jeden Freund, jede Geliebte, alles, alles will ich Dir ja zum Opfer bringen, leichter zu werden, eisiger, ruhiger im Beschreiten des Weges zu Dir!
VIII
So nüchtern und kalt und altersschwach wie jeder bisher sah mich heute der Morgen an, der mich aus einem Traum von Dir weckte. Ich hatte schon alles zur Abreise nach Helenenruh vorbereiten lassen — Doktor Birnbaum übersiedelt mit mir, um die Verbindung zwischen mir und den Regierungspersonen aufrechtzuhalten, obschon ich gestehen muß, daß ich noch nicht mehr tun kann als unterzeichnen, was er mir vorlegt —, und nun zögere ich wieder.
Mir träumte, daß ich in Trassenberg ankam und in die Gruft hinunterstieg, zu der aber die Treppe in den Grabenrest am alten Pallas hinabführte. Das Gewölbe unten, in das ich gelangte, war aber leer, zuerst. Dann erkannte ich ganz in der Ferne vor einem bunten Fenster Birnbaum, der an einem Tisch saß und in einen sonderbaren Trichter hineinsprach. Es war sehr still, mir war ängstlich, weil Du nicht da warst, dann bemerkte ich eine Tür, und wie ich behutsam näher trat, sah ich Dich in einem kleinen, ganz kahlen und niedrigen Raum sitzen auf einem Stuhl. Du hattest Dein gewöhnliches Aussehn, saßest ganz still da, die Hände geschlossen auf den Knien, und sahst nach dem Fenster hin. Meiner hattest Du nicht acht, und wie ich dann näher zusah, waren auch Deine Augen geschlossen, und Dein Gesicht war ganz gelb. Plötzlich wendetest Du Dich, öffnetest schwer die Augen und sahst mich fremd an ...
Früher einmal gab mir Josef einige Anweisungen zur Traumdeutung, aber hier versagen sie mir ganz, und es scheint mir auch verboten.
Aber es soll wohl so sein, daß es täglich schwerer wird. Helenenruh wäre ja eine Erleichterung.
Wieder eingeschlafen über dem letzten Satz. Mich friert immer noch so trotz hundert Decken, ich sitze vor der Gartentür — das heißt also: im Zimmer — und versuche an den nassen Blättern der Büsche zu erraten, ob es regnet oder nicht. In Helenenruh, denk ich mir, scheint die Nachmittagssonne auf die Dächer, die Schwalben kreisen um die Türme, ich sehe sie, wie ich sie immer sah: die Luft über dem Schloß ist wie ein riesiger Trichter, gefüllt mit dem Durcheinanderjagen der hundert schwarzen Flügelleiber; manchmal, wenn eine sich herumwirft, sehe ich die weiße Brust; sie kreuzen sich wie lange gebogene Klingen, und außen um den fernsten Rand des Trichters streichen ein paar ganz eilige in großer, sausender Fahrt. Mariä Geburt — Ziehen die Schwalben furt. — Ich habe so eine Ahnung, als ob Mariä Geburt um diese Zeit sein müßte.
IX
So schreibe ich Dir denn doch heute aus Helenenruh, aber wenn ich zuletzt etwas von Erleichterung sagte, so muß ich das zurücknehmen. Eher dürfte es schwerer geworden sein. Ich möchte nur wissen, was es eigentlich ist! Aber es läßt sich nicht feststellen. Ich bin einfach ganz schwer geworden. Von Sonne keine Spur. Wind und Strichregen, dazu viel welkes Laub. Rosen blühn noch unter der Terrasse. Ich versuchte es mit dem Gehn, hielt auch schon eine kleine Viertelstunde aus, aber dann dachte ich, daß Du es ja auch nicht bis zum richtigen Gehen gebracht hast, solange Du hier warst, und nun sitze ich wieder unter meiner Decke, immerhin im Freien.
Es ist ja auch alles leer hier. Von uns Allen blieb nur Birnbaum mit seiner Arbeit. Übrigens bin ich mit Deiner gütigen Erlaubnis in Dein Schlafzimmer eingezogen und in das große Bett mit den geschnitzten Evangelistentieren auf den vier Pfosten — Bewunderung und Ehrfurcht der Kindheit!