Hallig Hooge, dachte Telemach, wir durften niemals dorthin. Wenn wir mit Onkel Salomon segelten bei Landwind, sahen wir die grüne Insel vom weiten, und er tat uns wohl den Gefallen, herumzufahren und uns das gewaltige grüne Gebirge der aufgetürmten Deichmauern sehn zu lassen, einen Baumwipfel niedrig darüber und den roten, plumpen Rundturm der alten Sternwarte auf dem Norddeich. Olesland ... Wie mochte doch der Name Hallig Hooge aufgekommen sein, nachdem vor Zeiten nur die winzige Grasoase so hieß, die landeinwärts davor lag? Einmal beim Kreuzen auf der Rückfahrt sahen wir das langgestreckte Haus mit schwarzem Strohdach auf der Wattseite, wo es flach und offen war, und kaum noch sichtbar in der steigenden Flut das wallende Gras von Hallig Hooge. Olesland, erklärte Onkel Salomon geheimnisvoll, darf keiner mehr sagen. Er verriet uns nicht weshalb, er war nicht für Schauergeschichten, wir bettelten umsonst, denn Olesland und Hallig Hooge — beides klang so schaurig! Aber Domina verriet allerhand. Auf Hallig Hooge war Großvater gestorben, und der Urgroßvater war da umgekommen; es schien beinah ein Schicksal, und ich habe als Junge manchmal nachgedacht, ob — jemand — auch dort sterben müßte. An mich dachte ich damals noch nicht. Und Domina erzählte vom ‚Dränger‘ ...

Im Herbst, wenn die Nebel kamen, durfte man nicht an der Außenseite des Deiches gehn, wenn Ebbe war. Denn dann kam der Dränger. Auf einmal erschien eine Gestalt im Nebel, seitwärts, oder auch zurück, am Deich, und man entsetzte sich. Ja, da konnte man wohl rufen, wer hörte das? Damals, als der Dränger noch umging, war Oles—, war Hallig Hooge noch ganz vom Deich umschlossen, ein Inselbollwerk, das sich gegen die See hielt, eine kleine halbe Segelstunde vom Land, — aber merkwürdig, zu sehen war es nie, bei keinem Wetter. Domina sagte, das läge an der Spiegelung. — Anno Sechzehnhundertvierundneunzig, die große Flut ... Da verschwanden drei große Inseln und siebenzehn große und kleine Halligen spurlos in der See, Hallig Hooge aber hielt stand. — De ole Graf —? Nach ihm mußte die Insel Olesland genannt sein, aber gerade über ihn fand sich in der Chronik nicht eine Spur. Er muß ausgerissen sein aus dem Gedächtnis wie Olesland, — ja, von wem hörte denn überhaupt ich den Namen? Es muß doch wohl Domina gewesen sein. — Ja, damals also hatte Hallig Hooge noch sieben Hügel, die nach den Hügeln Roms genannt waren von einem gelehrten Mann, — wie hieß er noch? Archivarius Pontifex, Brückenbauer, Silas Pontifex hieß er. Auf dem Palatindeich stand der Deichhauptmann und rief alle seine Teufel zu Hülfe gegen die Flut, aber das half ihm nichts, Aventin und Esquilin und Palatin wurden nacheinander weggerissen, und als der Palatin stürzte, warf Deichhauptmann Waldemar Montanus sich kopfüber hinterdrein. Danach war die See gesättigt und zog sich zurück, aber im Abrollen brüllte sie noch einmal auf und nahm die ganze Wattseite mit fort samt dem Cälius. Ja, damals hörte das Watt auf, Watt zu sein, die See mit ihren Heeren ging geradewegs das Festland an und hämmerte auf die Deiche, — bloß nach einigen Tagen kam Hallig Hooge zum Vorschein wie eine Nachgeburt des Unheils, der Name Olesland verschwand, und Waldemar Montanus ging dort um und drängte die Menschen in die See. Auf den noch übrigen Hügeln starben die Bewohner aus, Viminal ... ja, Viminal und Quirinal und Capitol müssen sie ja wohl heißen. — Die See fraß einen nach dem andern, beim Fischfang kamen sie um, manche auf ganz fremden Meeren mit großen Schiffen, Waldemar Montanus paßte auf, — er lockte ja auch den fremden Reisenden zu sich, anno Siebzehnhundertneunzehn soll es gewesen sein, der nicht an den Dränger glauben wollte, — in der Chronik stand, daß es viel Aufsehens erregt habe, denn damals war doch die Wattseite schon offen; aber die Leute sagten, in den Nächten, wo Waldemar Montanus sich zeigte, wäre die ganze Insel wieder wie einst, der Deich ringsum geschlossen, und der Dränger, gegürtet mit Grauen, ließ den Furchtsamen nicht an den Deich, er mußte tiefer und tiefer in den Nebel hinein, am Ende kam das Entsetzen, und er rannte in die steigende Flut ...

T., besonders durchschaudert, erschrak vor einem riesigen, schwarzen Schattenkoloß, der plötzlich vor ihm stand. Aber es war nur Lornsens Mühle, und sie war gar nicht so nah, mindestens hundert Meter landeinwärts stand sie auf ihrem Hügel, auf ihrem weißen Unterbau, zwei schwarze Flügelarme mächtig drohend in Lüften. — Da unten in den Wiesen lief Jason al Manach heran, Magda lag dort in ihrem hellroten Kleid ...

T. gewann sich wieder in dem Gedanken, daß unmöglich dieser immer gleiche, liebliche, freundliche Jason wie ein Don Quixote die Mühle attackiert haben könne, — doch konnte er lange die Augen nicht abwenden von der unsichtbaren Stelle in der Dunkelheit, wo sie gestanden hatte und geschossen, dann umfiel und vor ihm lag, als wäre sie selber getroffen ...

Langsam erlosch alles in T.s Hirn, während er sich umdrehte und wieder das rötliche Licht über der Schneefläche des Nebels gewahrte. Wer hauste denn dort und hatte ein Licht brennen mitten in der Nacht? — — Georg, der Astrolog, hatte ein furchtbares Bollwerk von Deichen und Buhnen aus Hallig Hooge gemacht, hatte die Sternwarte bauen lassen, das Jupiterhaus für sich selbst auf dem Capitol und das Gesindehaus auf dem Viminal oder wie er nun hieß (ich entsinne mich eines Plans der Insel, sie hatte Bollwerke wie eine Festung, Bastionen und Vorsprünge und über vierzig Buhnen bei einem Umfang von einer guten halben Gehstunde). Niemand wollte wissen, wie er gestorben war. Er hauste einsam mit seinen Sternen; mit dem Tage, wo Trassenberg seine Selbständigkeit verlor, verschwand er dorthin, sein Sohn kam jung um, der Enkel starb wieder auf Hallig Hooge, — seit — — achtzehnhundertfünf —, ja, fünfundsechzig war es wohl, war Hallig Hooge unbewohnt geblieben. Dann bin ich wohl an der Reihe, dachte Telemach erbebend, und das Licht ist nur da, um mich zu erinnern und zu rufen ...

Er schüttelte alles ab. Ich frage morgen Birnbaum, was es mit Olesland ist, und dann fahre ich selber hin, sagte er sich im Weitergehn, die weiße, chaussierte Straße hinunter neben der Pappelreihe. Doch hatte er es nun eilig, wieder ins Haus zu kommen, stockte nur einmal im Hofplatz vor dem Verwalterhaus, da der Wolfshund lautlos auf ihn zusprang, aber er ließ sich leise knurrend streicheln und ging wieder davon, T. nachsehend, der durch den Heckengang das Rasenoval erreichte und bald am Fuß der Terrasse stand, wo nichts sich verändert hatte, — doch, die Urnen warfen nun Schatten, sah er im Aufwärtssteigen, und da war ja ein Lichtfaden im Laden! — Onkel Salomon war noch an der Arbeit. T. war besonders gerührt. Indem er die Uhr zog, schlug über ihm der Uhrhammer einmal an; es war halb zwei.

Er schloß leise die Tür zum Vogelsaal auf, wandte sich im Dunkel nach links, stieß, vermut ich, schmerzlich mit den Schienbein an einen Stuhl und erreichte die Tür. Leise öffnend trat er ein.

An der langen Wand der Aktenregale brennt die elektrische Lampe unter ihrem grünen Blechtrichter und überstrahlt den Wust von Papieren, Aktenstößen und Mappen und Glanzpapierdeckeln, rot und gelb und blau. Davor, den grauen Kopf auf dem rechten Arm, der auf der Schreibtischplatte liegt, schläft der alte Salomon; der linke Arm hängt herunter, zwischen zweitem und drittem Finger steckt die erloschene Zigarrenhälfte. Der papierne Berg über ihm scheint sehr sorgsam auf seinen Schlaf zu passen, — das Hörrohr über dem Telephonapparat ruht still wie ein Kahn auf hoher See, in der Nähe schwimmt als Boje, braunglänzend, die runde Platte der Briefwage. — Ja, nun braucht es Posaunentriller und Böllergeheul, wenn er nicht von selber aufwachte. Der alte Mann atmet laut und tief. T. geht, aus Ehrfurcht mehr als aus Vorsicht, leise über den Teppich zu ihm hin, gerührt und beschämt seine Krankheit verwünschend, und hat, als er sich über den Schläfer beugt, das Gefühl, dies dünn emporstehende, lichte Haar, durch das die Kopfhaut glänzt, so daß er die Haarschatten hätte zählen können, küssen zu müssen. Es geht so nicht weiter, denkt Telemach, aber Mentor läßt sich ja nichts aus der Hand reißen, und wie soll ich wissen, wer die Arbeit machen könnte, wenn er mirs nicht sagt? — Unter dem Arm des Schlafenden sehen gelbe Foliobogen hervor, ein weißer zuoberst, Telemach kann lesen: M. H.! Im Auftrage und in Stellvertretung Seiner Königlichen Hoheit und so weiter erkläre ich hierdurch den Landtag für wieder eröffnet ... Ach so, denkt er, Xylanders Vorlage zur Begutachtung ... Er klappt das Blatt in die Höhe und entziffert die kaum leserliche Bleistiftnotiz: Entw. z. Umw. v. T. i. prov. Landesdir. n. br. M. — Was? Das hieß — —, ja, das hieß? Er wollte Trassenberg in ein Landesdirektorium nach brandenburgischem Muster verwandeln ... Keine üble Idee, das würde allerhand Entlastung geben. Die ganze Verwaltungsschikane käme in eine Hand, und es bliebe für mich, — ja für mich bliebe eigentlich überhaupt nichts mehr übrig als die persönlichen Geschäfte, und die macht Birnbaum. Telemach denkt angestrengt nach, aber um so heftiger weicht alles vor ihm zurück, und er befindet sich bald völlig im Leeren. Minutenlang geistlos starrt er so auf Mentors Kopf ... Willenlos hebt er diese und jene Mappe auf und findet zum Beispiel eine zum Einklemmen mit breitem festen Rücken und der Aufschrift: Täglicher Einlauf. Die behält er in der Hand, sieht sich nach einem Stuhl um, holt einen vor einer der Schreibmaschinen am Fenster fort, stellt ihn dicht an die Schreibtischecke und setzt sich und schlägt den Deckel auf. Briefbogen und Umschläge sind fest hineingeklemmt, es ist schwierig, mit Hin- und Herdrehn und Aufklappen, zu lesen. Da liest er nun zum Beispiel:

Taubstummenanstalt Göhrde ... Einladung zur Feier des Zwanzigjährigen Bestehens und Besichtigung des Neubaus ... (Sonderbar! Da war ‚jemand‘ vom Gerüst gestürzt, — da wurde ich geboren, ein Jahr später wurde sie ... T. gewissermaßen schmerzlich versonnen, liest auf der nächsten, zugehörigen Seite verschwimmende Zeilen:) ... ehrfurchtsvolle Bitte, den Titel und die Würden eines Ehrenvorsitzenden des Vereins ... bisher in den Händen Seiner hochseligen Durchlaucht ... (T. schlägt das Blatt um, den Umschlag, der folgt, und liest:) Annenmagdalenenheim, Stiftung für lungenkranke Fabrikarbeiterinnen ... (Ach, Helene gründete sie, als Magda geboren wurde ...) Erhöhung des Anlagekapitals, da die jährlichen Kosten ... (Das kam doch aus Helenes Schatulle ...? Richtig ...) Vermächtnis Ihrer hochseligen Durchlaucht als noch nicht zureichend erwiesen ... (Ich bin ja Erbe, murmelt T., die Toten, immer die Toten ... Er fühlt, wie ihm der Schweiß ausbricht, die Buchstaben flimmern ... Krank ... krank ... krank ... tanzt es ihm vor den Augen, er bezwingt sich besonders, — warum: nicht zureichend erwiesen? Ach, es war ja halb abgebrannt, ein paar Tage vor — vor — — vor was? — T. starrt in die grelle Glühbirne, sieht die roten Fäden; vor dem großen Tralla, flüstert jemand ihm zu, und er begreift. Er nimmt bewußtlos die Hand von dem Blatt, schlägt den nächsten Briefumschlag um, senkt die Augen auf die Seite und liest:) Oberförster — — unleserlich. In Blankenheide ... einen neuen Plankenzaun notwendigerweise, weil mir sonst die Bauern das Wild totschlagen, was übrigens nichts schaden könnte — ungerechnet, daß sie es meist nicht richtig tot kriegen und ich dann die Schweinerei im Jagen fünfzehn herumliegen finde — (Der schreibt ja einen haarigen Stil, meint wohl noch, jemand vor sich zu haben ... Also warum: nichts schaden könnte?) — — herumliegen finde, Klammer, weil es doch kein Mensch abschießt. (Blankenheide? Blankenheide gehörte zu Dannel-Biebereck, Tante Henriette war kein Nimrod, Onkel Anton auch nicht, der Namenlos hatte die Verwaltung und haßte die Schießerei im Treiben. Aber es liegt ja an der Grenze, Schley kann hinübergehn, — richtig! — T. findet im Weiterlesen den Satz:) ... da mir die p. p. Beuglenburgschen Bauern wieder ein Stück von Jagen fünfzehn abschneiden wollen, und die p. p. Prozesse ... (soll wohl heißen: die verfluchten Bauern beziehungsweise Prozesse?) ... ja doch immer zehn Jahre dauern, so möchte ich ehrerbietigst p. p. — (schon wieder! so’n Pepe scheint ihm für alles gut zu sein!) — anraten, die Grenze doch gleich ein für allemal vier Meilen westlich zu legen, indem ich dann Beuglenburgisch werde und ein für allemal die Ruhe habe. (Georg dreht — matt lächelnd das Blatt um. Was kommt nun für ein Fetzen? Er sieht nach der Unterschrift, wie von einer Kindeshand gemalt:) Bombe, Kätner und Kesselflicker, — (ja, sie müssen jetzt doch jeder eine Firma haben ... Was will er denn? Kann die Pacht nicht zahlen, — ach, der scheint zu Helenenruh zu gehören. Bombe? Natürlich, der klebte doch Invalidenmarken, und der Sohn war — war Vorarbeiter bei Haupt und Ungefesselt, Dampframmen und ... verdiente fünfzig Mark die Woche und war nicht verheiratet.) Kuh gefalen ... ale Katoffeln Faul, — liest T. weiter, — Frau Hochgratig Magen Leident ... anliegent At — Apothekerrechnung soll das heißen. Georg findet das Blatt. — Opiumtropfen — Opiumtropfen — Opiumtropfen ... Lezithin, drei Flaschen, Summa acht Mark neunzig, abzüglich Kassenprozente fünf Mark und fünfzehn Pfennige, — ob ich das zahlen kann? — T. trocknet sich die mittlerweil triefende Stirn, langt einen Bleistift aus der Schale vom Schreibtisch und schreibt: Bezahlen! auf das Blatt; seine Hand klebt beim Schreiben, er muß husten und liest umblätternd weiter: Verein ehemaliger Königinhusaren ... 23. Stiftungsfest ... Weiter: Elisenhütte, Einladung zur Aufsichtsratssitzung ... Verteilung der Dividende ... T. klappt die Mappe zu, legt sie leise auf den Tisch und sitzt, das Taschentuch in den Händen; lockert den Schal vorn am Hals und starrt trübe vor sich hin und denkt bloß: Ein Fünftel vom ganzen Einlauf, und schon kaputt ...

Wozu all das, wozu? Geld ging hinaus, Geld kam herein! Warum kann ich nicht auf all das verzichten? Birnbaum machts ja doch Vergnügen, er kennt nichts andres, er weiß überhaupt nichts andres, es ist seltsam und unbegreiflich, aber sein Leben besteht darin, und er fühlt sich wohl, abgesehn von seinen Sorgen, die aber nicht durch dieses bedingt sind. Eine Abendstunde mit Dickens, ein Gespräch mit seiner Frau, ein Spaziergang am Schabbesabend, tausend Schritt genau bis Lornsens Mühle, Schachspiel, — das sind seine Freuden, und dann — ja, dann ist ihm wohl das Ganze durchwärmt und vertieft durch Liebe, zu ... zu mir ... und er würde es nicht fassen können, wenn ich die Hand davon abzöge. Er dient, und es ist ihm Wonne zu dienen, und ich —