Und dann versucht er es wohl, dieser T., und stellt die bekannten Figuren zum tausendsten Male auf, und eiskalt vor rasendem Wissen der Unabänderlichkeit will er sie doch zwingen mit Zauberei, daß sie sich anders bewegen, als sie taten, aber immer steht hier Magda und drüben Cora, hier er selber und da Sigurd und da — ER, und wenn er sie auch zwingen kann, steif dazustehn wie die Puppen, so erreicht er doch niemals, daß er selber es ist, der die erste Bewegung macht, oder Sigurd, sondern immer, immer ist es die Furie.
Und seine Stirn bedeckt sich mit Schweiß, die Figuren schwinden erlöschend, als würde ein Bühnenlicht abgedreht, im Finstern, und er denkt nun:
Daß er seine Schuld am Ende vielleicht übertrieb. Etwas scheint nicht zu stimmen. So viel kann ja ein Mensch nicht schuldig sein. Oder er könnte es allenfalls sein aus bösem Willen, aus angeborener Ruchlosigkeit, wie man gebürtiger Raubmörder sein mag, oder Muttermörder. Er selber aber, er soll dies Gebirge von Schuld über sich gewälzt haben aus keinem andern Grunde als: weil er so war!?
Worauf er dies Rätsel bis zum nächsten Mal sich selbst überläßt und sich weiterbegiebt. — Oh die Nacht ist noch lang!
Krähte nicht, denkt er, soeben ein Hahn? Hähne krähen im Schlaf. Aber ach, wie konnte er es nun wieder aufsteigen lassen fontänenhaft! Frühmorgens in der Kindheit, das Krähen der Hähne, heiser, krächzend, und hell schmetternd, ferne und nah. Sonntag war anders als die andern Tage, obgleich doch an keinem Schule war in den Ferien. Die Straße unter den Fenstern, die Felder daran, das Dorf in der Frühsonne, alles sah gleich anders aus, feierlicher wohl und viel stiller. Man hatte einen schneeweißen Anzug an und ein weißes Kleid mit zwei Hände breiter blauseidener Schärpe. Du lieber Gott, wie hoch war damals eine Roggenwand! Wir verschwanden uns, wenn wir vorsichtig kaum hineintauchten, um eine Kornblume herauszuholen oder eine violettrote Rade, die ich liebte, weil sie so geometrisch waren: vier lange grüne Blattspitzen genau in den Einbuchtungen der kleinen Kelchblätter. Der Sandweg in der Sonne wie hell! Unsre Schatten, ganz dick und kurz und mit ungeheuren Kreisen von Hüten, schoben sich voraus, ach jedes Staubkorn wie hell, die Steine im Staub, jeden einzelnen könnt ich beschreiben, denn ich liebe ihn, Brocken von rotem Klinker, halb vom Sand verschüttet, und die Krusten der Wagenspuren, und scharfe Chausseesteine, mit denen man gut schmeißen konnte, und runde, geschliffene von der See, und dann die großen, weiß übertünchten Steinbrocken am Wegrand, — ach, nur Steine, und was hatten sie Leben damals und Bedeutung! An diesen weißen kletterte aus der Grasnarbe die vielköpfige kleine Schlange der Winde mit schönen, sehr weißen Kelchhäuptern; rote Kleepflanzen wuchsen da, es waren kleine grüne Oasen von niedrigem Dreiblätterklee, und wir suchten bei jeder ein Weilchen nach einem Vierblatt. Immer schien die Sonne, nur damals schien die Sonne, ein einziger Vormittag war so lang wie ein Sommer von heut, und dann hörten wir die Lerchen. Oh die Stille nun, diese Stille überm singenden Korn, und in der Stille überall, unaufhörlich, immer wieder anschrillend, ganz hoch oben das Lerchengetriller, immer mit neuem Anlauf: ziziziziziziiih! ziziziziziziiih! — Und insgeheim glaubten wir doch immer, daß die Lerchen im Korn säßen, wir sahn uns die Augen blind im flimmernden Blau, aber niemals haben wir eine Lerche gesehn. — Dann kam —
T., denke ich mir, findet sich jetzt am Gatter, das, hell im nächtlichen Licht, als habe es ihn lange erwartet, ihn unsichtbar ansieht aus dem grauen Holz seiner Stangen. Er lehnt sich darauf, sieht oben am Himmel die dünne Mondsichel im Fahren leicht durch das fließende weiße Gewölk schneiden, sieht die dunklen und doch erhellten Wiesen und die schwarzen Linien der sich kreuzenden Hecken, aber — — aus dem schwindenden Dunkel dieses Grundes flattert ein Kohlweißling taumlig den glühend heißen Sandweg hinunter, hin und her über die Wagenfurchen, den Hügel hinauf, — er hört Annas schreiendes Lachen und sein eignes, atemlos hinlallend, wie er später Jungens hat lachend rennen sehn, im Laufen zusammentaumelnd, lachend nur Lachens wegen, laufend nur um zu laufen, — und dann liegt man da, der weiße Anzug sieht bejammernswürdig aus in einer braunen Staubschicht, aber — T. schreckt auf, da wiederum, jetzt gerade über ihm gellend und überlaut das Gelächter schallt, mauzt und weint. Er öffnet das Gatter und geht hastig den getretenen Pfad über die Wiese zum Knicktor; das senkrechte Brett über den Stufen sieht ihn wie das Gatter aus dem Dunkel mit seltsamem Glanz verhaltenen Lebens an, in sich geduckt wie ein ertapptes kleines Tier, das aber keinen Angriff befürchtet, denn es ist umgänglichen Charakters. Telemach aber bleibt stehn und heftet ihm eine Erinnerung an. Hier leuchtete Annas Haar über der Dämmerung, und sie sagte: Ach, es ist himmlisch! — Das Kind, das so sprach, habe ich niemals wieder gesehn ...
Beim Ersteigen des Deiches fällt er hintenüber, muß sich nach vorn werfen und erreicht auf Händen und Füßen im nassen Grase die Höhe, wo er sich zu tiefem Erstaunen über einem totenstillen weißen Felde befindet, — Nebel, weißem, lautlosem, regungslosem Nebel, der die ganze See bedeckt. Nur tief unten, am Fuß der Deichmauer, sind die schwarzen Pfahlköpfe der Buhne zehn Schritte weit sichtbar, dann ist nichts mehr als Nebel.
Oben am Himmel segelt die bläuliche Mondsichel durch weißes Gewölk. Die Tiefe aber zieht T. besonders an, er setzt sich und klettert mit Absätzen, Händen und Gesäß die schräge Mauer hinunter, springt auf festen Ebbeschlamm, zaudert und schreitet in den Nebel hinein.
Es ist tiefe Ebbe. Der Mond wurde zu einem bleichen Fleck im Nebel, der alsbald über ihn hinzog; er geht selber in einem dunklen Kreis, der Nebel bleibt stets ein wenig vor ihm, zurückgehaltenen Scharen sehr zusammengedrängter Gestalten ähnlich, die sich manchmal bewegen, nicht einzeln, sondern stets im ganzen. Jetzt wird der Boden weicher, und jetzt — da ist Wasser, er riecht, er fühlt es. Was sitzt denn dort? Kleine, dunkle Gestalten hocken ... Ach, hier sitzt der Tütvogel im Nebel am Wasser und schläft, — zwei, drei kleine Gesellen. Nun bewegt sich einer, ein grauer Schatten schwebt, — auch der andre, der dritte; Flügel rauschen leise, sie sind verschwunden, und gleich darauf fällt ein leiser, klagender Schrei von oben. — Wie die Seelen am Acheron im Nebel ... denkt Telemach. — Es plätschert. Hier ist Gewässer, hier, ungeheure Meilen weit die tiefe See, satt von einer Menge Land, das sie eingeschlungen hat, Marschland und die Inseln und Halligen, Frauen und Kinder, Kirchen und Gehöfte, Rinder und Schafe, Eichenwälder und die langen Deiche. Es gurgelt im Schlick, die Flut regt sich. T. fühlt seine Sohlen langsam einsinken, dreht sich genau um und geht zurück. Er geht rascher als beim Kommen, etwas kommt hinter ihm her und macht ihn eilig, sein Herz klopft, wie lange dauert es bis zum Deich! Er läuft fast und läuft so, erleichtert sich auslachend, gegen die mannshohen Buhnenpfähle von der Seite, ein Zeichen, daß er doch schief gegangen ist, worauf er die Deichmauer wieder hinanklettert und oben weitergeht. — —
So, ja so war es in jeder Nacht. In der letzten aber war auf einmal ein rotes Licht über dem Nebelfeld. Ein Schiff? im Nebel so nah? Unmöglich. Ja, wohnte denn jemand auf Hallig Hooge? — Das Licht blieb, unverrückbar, stille scheinend über das Nebelmeer. Hallig Hooge lag dort.