Der Kaufmann in Böhne hieß Sengstaak, ein Name, den ich als Junge niemals aus dem Gedächtnis in die Luft schreiben konnte. In allen Ferien einmal war eine Monatsrechnung zu bezahlen, das tat Onkel Salomon selber und nahm uns mit. Im Laden war die Diele mit weißem Sand bestreut, durch eine geriffelte Glasscheibe sah man Herrn Sengstaak an einem Stehpult schreiben, und wir zitterten, er möchte nicht merken, daß wir da waren, denn dann bekamen wir ja keine Cakes, und einmal gab sie uns der Ladendiener, aber das war längst nicht so schön. Kisten standen da mit eingewickelten Apfelsinen, Fässer mit Mehl, mit Margarine, mit Butter, Kisten voll Eier, und wie war alles dauerhaft und dick, die Holzgriffe an den Schiebladen und die hölzernen Schaufeln in den Erbsen und Linsen. Über dem Tresen — ja, da wurde womöglich auf dickem blauen Papier ein Zuckerhut zerkleinert, ach, wie war das alles besonders und reichlich und solide! Und oben war es dunkel von ganzen Bündeln in Lagen zusammengeschichteter Tüten, rechteckiger und spitzer, brauner, blauer und roter, und sie hatten alle ein schwarzes Wappen als Aufdruck zwischen zwei wilden Männern. Ja, vor der Tür, da war ja der mächtige goldene Mohr mit bunter Federnkrone und einer Zigarre zwischen den Wulstlippen. Aber über den Düten, noch höher, war es finster wie ein Gewitter, von tausend Würsten und Schinken, und wie das roch nach Rosinen und Gurken und Vanille und Gewürznäglein, und geheimnisvolle Leitern lehnten im Winkel oder wurden von kleinen neugierigen Jungen mit wasserblanken Haaren schwierig hin und her getragen. Dann kam Herr Sengstaak aus dem Kontor, das ich nachher in Soll und Haben wiederzusehn glaubte; er hatte ein rotes längliches Gesicht, kleine Augen und Falten unter dem Kinn, rieb sich die Hände und sprach unverständlich mit eigentümlichen Bewegungen des Kinns. Er beugte sich über den Tresen, griff Anna und mir mit großer Hand unters Kinn und holte, während er immerfort mit Onkel Salomon sprach, einen der großen blechernen Kasten mit Cakes herunter und hielt ihn uns offen schräg entgegen, und jeder nahm einen kleinen Cake heraus, aber das war nicht alles. Nun wurde ein großer, brauner Papiersack abgerupft, und wie wundervoll war das, wenn Herr Sengstaak mit dem einen Arm hineinfuhr, mit der andern Hand die eine Ecke weich eindrückte, dann ganz leicht die Tüte herumwarf und die andre Ecke einknickte, und dann kam ein Blechkasten nach dem andern herunter, und die Tüte wurde voll — nicht ganz bis oben, es blieb noch genug Papier, das dann auf wundervolle Art zu parallelen Streifen zusammengelegt wurde, und dann wurden sie nach innen umgeknickt und festgedrückt, das Paket auf die Seite hingelegt, und dann kam Bindfaden aus einem verblüffenden Ding heraus, und das Paket flog links herum und rechts herum, und der Bindfaden schlang sich darum, es war herrliche Zauberei, ein Holzknebel war mit einmal da, wurde in die Schlinge geschoben, und dann wurde es mir überreicht. Dies war unser heiliges Recht, Kekse — wir sagten Kekse — von Herrn Sengstaak, aber eine Sorte war dabei, die mochten wir nicht, die hießen Dextrinkeks, denn so schmeckten sie, und die kriegte Mama.

T. denkt hierauf gebeugt, er müsse damals unmenschlich glücklich gewesen sein, daß all dies sich ihm eingebrannt habe, wovon er damals doch nichts wahrnahm, denn immer war er ein blinder Junge und hatte niemals etwas gesehn, wenn er gefragt wurde. — Oder ist das ganze Glück wirklich dieser Augenblick, wo ich es so brennend wieder fühle?

Er fährt leise zusammen, da er am Weiher steht, gegenüber der Insel, keine fünf Schritt von der Brücke. Die Bäume rauschen und bewegen sich ernst, beklommener atmend geht er zur Brücke, bleibt stehen und flüstert: Hier schläft Mama ... Er geht hinüber, achtet darauf, daß seine Füße leise sind, taucht ängstlicher in den finstern Gang zwischen Buschwerk, tastet sich langsam hindurch und tritt ins Freie der leicht übernebelten Lichtung. Drüben, über dem weißlichen Gewoge wölbt sich die schwarze Kuppe der Trauerbuche; auf einmal ergreift ihn schaurige Furcht, sie könnte dort liegen, unter dem Baum; nicht sie, ihr Gesicht, das Lächeln; nicht ihr Lächeln, Cordelias ... Und er geht mit knisternden Haaren und schlagendem Herzen hin und bleibt, drei Schritte vom Stamm entfernt, stehn. Auf dem grauen Oval glänzen leise doch sichtbar die beiden Worte: Helene — Herzogin.

Hier unter ihm steht ein Sarg, liegt eine Tote, ein Mensch, — wie war es doch möglich? Er wendet sich schaudernd. — Etwas läuft in die Lichtung hinein, bleibt still, läuft hierhin, dorthin, schnüffelt vernehmlich, ein Igel. Heftiger zitternd faßt er in das Gezweige über seinem Kopf, ein Blatt bleibt in seinen Fingern, sein Arm fällt herab, er zerknittert es und fühlt es feucht; in weiter Ferne kräht ein Hahn. — Sie schläft, flüstert er besinnungslos, dann sinkt er langsam in die Kniee, bückt sich, harkt mit der Hand im Gras und flüstert: Mutter! Mutter! hilf mir doch! Mutter, dein Sohn ist doch da! Ach, sag doch nicht, daß es zu spät ist, sei nicht hart, ich kann ja nicht mehr, ich kann, kann, kann ja nicht mehr! — So wimmert er eine Zeitlang, dann liegt er plötzlich still und steht auf. Seine Hände, sein Gesicht sind naß, er trocknet sich mit dem Schal und geht davon, schamvoll und doch erleichtert. Er horcht stehen bleibend zurück. Sie war entsetzlich einsam dort ... Er schüttelt den Kopf und geht weiter, durch den Gang, über die Brücke, am Weiher hin und den dunklen, beschatteten Weg hinab unter dem schwarz und zerrissen herabhängenden Laubwerk der Eichen.

Dort steht er und denkt wieder. Ja, was dachte er wohl? Er dachte nicht — denn das denke vielmehr jetzt ich: welch eine wonnevolle Erleichterung es für mich ist, einmal die ganze Last des Daseins auf diesen vorgespiegelten Telemach abzuwälzen und daneben zu stehn und es immerhin begreiflich zu finden, daß sie ihn quält. — Sondern er dachte vielleicht oder empfand die Höllenqual der zu späten Einsicht. Die furchtbar ironische Bitterkeit der Erkenntnis, daß alles, was heute ist, seit Jahren sich vorbereitete, daß es in all und jedem Denken, Planen und Handeln schon war, — oh ja:

Was vom Menschen nicht gewußt,

Oder nicht bedacht, (!!!)

Durch das Labyrinth der Brust

Wandelt in der Nacht.

Und weiter, daß nun mit der Erkenntnis alles ein Ende nahm und nur sie noch ist, und kurz und gut: die Schuld selber nur noch. Schuld, nichts als Schuld, an jedem Fleck, auf jedem Schritt; Schuld jeder Weg, jede Bewegung, jede Aussicht und jeder Stern; Schuld jeder Bissen und jeder Atemzug, und kein Gedanke mehr, kein Ausblick und keine Möglichkeit mehr zu etwas Neuem, — nirgend ein Anfang, nur das Dickicht.