Warum lebe ich noch? Telemach stellt sich wieder einmal vor, er läge begraben. Alsbald erscheint auch der Platz in A., die Bahnen fahren, Menschen eilen kreuz und quer, die Spiegelscheiben der Auslagen glitzern, aber es quält nicht mehr wie vor einem halben Jahr. Es war niemand mehr da, von dem es schmerzlich wäre Abschied zu nehmen, oder ihn lebend zu denken, beschäftigt wie immer, während man tot ist ... Renate? — Er fühlt sie nicht mehr.
Ich sollte wohl, denkt Telemach, ein Ende machen. Aber da ist zum Beispiel das Land. Brauchte es ihn? Jener Birnbaum würde ihm schon einen besondren Telemachschwung versetzen. T. sieht den stämmigen Mann aufgeregt im Zimmer hin und her laufen, eine Hand im Ärmelloch der Weste, fuchtelnd mit der Zigarre in der andern, niesend und prustend, und er schreit: Und wenn wirs so einrichteten, daß es an Preußen fiele, — no — was denn? no? was denn? T. wußte es nicht. — Hatn dazu dein Vatter sich sein Lebtag abgerackert, un dein Großvatter, un dein Urgroßvatter vielleicht? Du bistn Literat, Hoheit, du hast gar keine dynastischen Gefühle, nee, aber gar keine! — T. lächelt und bestreitet es schweigend. Ich wills ja versuchen, beschwichtigt er sich selbst, ich bin nur so müde und innerlich kraftlos. Die Länder sind so gut im Stande ... Das heißt Beuglenburg? Und sie würden Schley dort nicht sitzen lassen, diese Preußen. Ach, nun kamen die Wahlen! Früher war die Sozialdemokratie unter der Hand unterstützt, und — und ... T.s Kopf tut ihm weh. — Ich kann noch nicht, ich kann noch nicht! — Er wälzt sich fieberisch und atmet beklommen. Es ist, denkt er, wieder die alte Angst, wie in Berlin. Berlin war nicht schuld, sondern mein eigenes Krüppeltum. Punkt. Toter T. punkt.
Er schleudert die Decke von sich, zieht die Schlafschuh an die Füße und hockt schlottrig auf dem Bettrand. Es ist nun ganz hell umher, dämmrig, doch alles deutlich erkennbar. Den Kopf drehend, sieht er über sich, überm Kopfende des Bettes die Figuren des Bildes Emmaus, den einfallenden Lichtstrom, am Tische Christus und die erschrockenen Beiden, dahinter die Nacht.
Ja, denkt er verwirrt, ich kam zu allem zu spät.
Er schlürft eilig zur Glastür, friert im Kalten, lehnt sich an den Rahmen und raunt: Was soll man denn tun? Man fährt ins Dasein hinein mit feuriger Schnelle, findet alles vorbereitet und ist es von Ahnen und Urahnen her gewohnt, eh man es besitzt. Da erkennst du dich selber, aber schon steckst du so tief im Gewohnten, daß kein Riese dich ausreißt. Wenn ich Verse machen will, und wäre ich Hölderlin, ich müßte anfangen wie Schiller, und zehn Jahre danach merke ich vielleicht, daß Sprache des Verses und Sprache des Umgangs voneinander so verschieden sind wie der Vogel vom Fisch. Ich kleide mich, rede, lache, fahre, spiele, lerne wie die Andern, und längst bin ich in zehntausend unlösliche Zusammenhänge verstrickt, und dies — ach dies wird die letzte Not sein, daß man an Tausenden hängt und nicht steht, und Tausende hängen an mir, und ich komme nicht los zu mir, nicht los zu mir ...
Ganz hell aus der Tiefe klagt jetzt ein Kinderweinen, schauerlich anzuhören, und T. zuckt merklich. Ein Gespenstergelächter folgt, ganz schnell: Hahahahaaa! und wieder das plärrende Weinen. — Kauz in der Nacht, End ehs gedacht! — Stille liegt die Terrasse, stille stehen die mächtigen grauen Urnen, besonders, verhaltenen Lebens, atmen, auch die Steinplatten atmen, Schlaf oder das Schweigen ... Über dem schwärzlichen Gewipfel des Eichwaldes quillt ein bleiches, silbriges Scheinen im Himmel, ein wenig tiefer muß die Mondsichel sein. Emporblickend sieht Telemach wenige, schwach flimmernde Sternlichter im Dunste der feuchten Nacht. — ‚Schaudernd unter herbstlichen Sternen — Neigt sich jährlich tiefer das Haupt ...‘
T. macht Licht, geht mit geblendeten Augen ins Ankleidezimmer, erhellt es und legt eilig das für morgen zurechtgelegte Unterzeug, Schnürstiefel, Reithosen und Ledergamaschen, eine braune Lederweste mit Ärmeln an, windet einen grau und grünen Schal um den Hals, fährt in den Rock und fühlt sich einen Augenblick warm und behaglich. Nachdem er das Licht gelöscht hat, geht er leise über die Terrasse in den Garten hinab.
Unschlüssig unten stehen bleibend, zum Hause zurückgewandt, findet er sich plötzlich sehr klein und einsam im Hof der drei mächtigen Fronten mit langen Fensterreihn und kalkweißen Mauern. Unendlich schweigsam und hoch steigen die zwei weißen, schwarz behelmten Türme auf den Ecken in die Dunkelheit; das Ganze, hell und doch seltsam verdüstert im nächtlichen Licht, atmet eine tiefe Gewalt aus, liegt da, ruhig in sich selber, bedrohlich für ihn, der sehr klein ist. Unbekümmert scheint es seine dämmernde Seele bei Nacht zu enthüllen; es dehnt sich, atmet vielfach, sammelt Essen und Fenster, Türme und Dächer, Simse und Mauern in eine strotzende und alte Gesundheit und ist immer bereit zu dauern. Heiliges Kindheitsland, wo bist du? zieht es da schmerzlich durch seine Brust. Jählings ist das Haus umnachtet und fremd, und er geht davon, den Kopf gesenkt, verloren in alte Erinnerungen.
Denn zum Beispiel was tun wir inbezug auf unsre Kindheit? Heraus reißen wir uns an den Haaren, ganz genau wie eben jener Baron Münchhausen sich an den Haaren zerrte aus dem Sumpf mitsamt seinem Unkas, bloß daß sie kein Sumpf ist, diese Kindheit, sondern — das Paradies. Geschah es nicht hier? T. wendet sich vermutlich und murmelt, den dämmrig erkennbaren Weg durch das Eichenwäldchen hinunter blickend: Weiß ichs nicht, als wärs heute gewesen? Hier auf der Terrasse brannte der bunte Lampenschirm und saß Bogner; und dort unten am Gatter stand ich, wußte nicht, was fort war aus mir, und war selber stillschweigend fortgegangen aus meiner Kindheit zu Annas Bett.
Da zwingt er sich mit Gewalt durch den Spalt zu einem kindlichen Aufenthalt.