Ich will einen Nachtspaziergang beschreiben. Die Menschen lassen einem ja koa Ruh net, wie Cordelia selig zu sagen pflegte, also daß man nachts auswandern muß wie die Rattenkönige, alle Seelenschwänze zu einem gordischen verknotet. Übrigens denkt es sich besser bei Nacht, und kurz und gut, beschreiben wir uns diesen wackern Knaben Telemach unter dem paßlichen Motto:
Das Steuer führt’ ein Jüngling unruhvoll,
Dem früh des ††† Rat und Hülfe schwand —
folgendermaßen:
Telemach erwacht wie üblich aus befristetem Halbschlaf. Er erseufzt, legt sich auf den Rücken und öffnet, wach und keines Schlafes bedürftig, die Augen in die Nacht. Bald darauf wird über ihm das graue Vieleck der am Tage weißen Zimmerdecke sichtbar; er schiebt sich höher im breiten Bett, erkennt die Schattenrisse der beiden hockenden Tiere, Adler und Löwe, auf den Bettpfosten, dahinter die bleichen Streifen der Fenstervorhänge und dazwischen das dunkle Rechteck der offenen Tür zur Terrasse; dann auch die dunklen und großen Flecken der Schränke und die weißen der Türen. Im Glase des Türflügels draußen glitzert es bläulich. Telemach — oder sagen wir kurz T.; kann auch wieder Topf heißen — schiebt sich bis fast zur Rückwand des Bettes hinauf, sitzt in dem großen Achteck des Raums und fröstelt. Draußen rasselt es eisern, der Uhrhammer in der Höhe fällt hell schmetternd, ein Mal, dann ist alles still. Halb zwölf. — T. seufzt vermutlich wieder. Nun wieder die Nacht, die ganze lange Nacht bis zum Morgen — und was dann? — Es wird heller und heller um ihn, die dunklen Schränke sind nun körperlich sichtbar, die Maserung, Kanten und Beschläge, und vor der Tür draußen ist die graue Fläche der Terrasse erschienen und, dunkel im Zwielicht, der Schattenriß einer großen Steinurne mit Früchten und Blättern auf der Brüstung. Das ist besonders still.
Im Dorf schlafen die Bauern eng und heiß in ihren karierten Betten. Die harte Weckuhr tickt durch die Schwüle, sie stöhnen im schweren Schlaf und schnarchen. Eine Kuh brummt im Schlaf, ein Huhn gackert im Traum, niemand hört den Spitz, der mit rasendem Geheul auf die Decke seiner Hütte sprang, weil draußen Schritte hallten, und der Hund kriecht wieder in seine warme Höhle, knurrt, muß noch einmal blaffen, dreht sich um sich selbst und fällt hin.
T. sitzt und wacht, lauscht. Die Nachtstille singt in seinen Ohren, es rauscht leise im Park, die See ist nicht zu hören.
Hier, denkt er, lag einer des Nachts, und wie oft wohl wachte er auf und glaubte über sich Schritte zu hören, ruhelos, ruhelos, so leise, ein Huschen, hin und her streifend, hin und her ... T. lauscht, alles bleibt still, er sieht den Schatten einer Hyäne, den hochgebogenen Rücken, schieftrabend in der Finsternis, nun funkeln grünlich, bläulich die Lichter, er hört die Pfoten trotten, er riecht ... Das war Mama, denkt er matt und gespenstisch, das war Mama ... Zwanzig Jahr Pein und Sehnsucht und Gänge, Gänge im Finstern, und dann — nichts mehr; der Tod. — Wie ich damals, denkt er, meine Gedichte fand ... Mein Sohn war klein, und nichts verstand ... Und sie lag und lächelte grade genug. Wenn man nachgrübe und den Sarg öffnete, würde man ihr Lächeln unversehrt darin finden, — und das war ihre Genugtuung, so viel zu lächeln. — Die Umrisse der Insel erscheinen ihm finster, die Bäume, er sieht ein bleiches Gesicht unter der Buche liegen wie eine Maske, es lächelt, oben saust der Herbst und reißt Blätter aus den Kronen, sie fährt fort zu lächeln; der Winter deckt alles zu, sie lächelt fort; im Frühling liegt ihr Lächeln unter dem ersten Krokus, den langen Sommer lang lächelt sie fort, ganz für sich allein ...
T. fröstelt, rutscht wieder tiefer im Bett und steckt die Arme unter die Decke. Es waren viele Tote. Esther — Sigune — Cordelia — Mama ... Alle schon wieder weit fort, und gelernt hatte er nichts. Nur der Eine ... T.s Brust schmerzt.