Auf Magdas Bitte bin ich selber es, die Ihren Brief gleich beantwortet. Allerdings glaube ich zu den erschreckenden Dingen, die wir von Ihnen hören, einige Erklärungen geben zu können, obgleich das meiste daran auch weiterhin wohl nur zu ahnen bleibt. Wenn Sie Sigurd Georg Mörder nennen hörten, so glaube ich, daß sich das auf Sigurds Schwester beziehen soll. Etwas Ähnliches hörte ich schon damals, nach Esthers Tode, von ihm, doch blieben mir die Gründe dafür unbekannt. Daß Sigurds Plan ursprünglich nicht gegen den Herzog, sondern Georg gerichtet war, sagte er selber deutlich in unserm Gespräch. Und dann weiß ich, daß er, Sigurd, der Meinung war, Georg sei in die Gracht gestürzt und ertrunken, worauf dann sein Attentat auf den Herzog nur ein schreckliches Glied in der Methode seines Irrsinns wurde. Und rechnen Sie zu diesem, daß Georg mit durchnäßten Kleidern gefunden wurde, daß auch Magda stets dabeiblieb, er sei es gewesen, dessen Fall ins Wasser sie hörte, so brauchen wir uns nur vorzustellen, in welch zerstörtem Licht Georg die Geschehnisse und Zusammenhänge sehn mag, um mit dem Scharfsinn seiner Krankheit alles zu erraten und — auf sich zu beziehn; sich also für schuldig zu halten am Tode seines Vaters. Was dem Außenstehenden nur eine wenn auch furchtbare Verstrickung von Umständen zu sein scheint, dahinein fühlt sich ja der selber Betroffene mit Leib und Seele gerissen, der Kranke sieht Krankheit überall, und wer schuldig sein will, Schuld.
Magda läßt Ihnen tausend Grüße sagen, sie leidet schwer unter ihrer Ohnmacht, die Neuheit ihres Zustandes läßt sie sich auch für hülfloser halten, als sie ist. Sie läßt Sie bitten, doch ja Georg unser Kommen rechtzeitig anzumelden. Möglicherweise ist er ja ganz unzugänglich. Wir werden, denk ich, am 1. fahren.
Ich nehme so von Herzen teil, lieber, verehrter Herr Doktor, an Ihnen und Ihren Sorgen und grüße Sie mit: Auf Wiedersehn! Ihnen von Herzen traurig zugewandt!
Renate Montfort
Georg an Magda
Aber so viel Zartgefühl scheint mir fast übertrieben, o edle Seele! Ich eile, mich durch diese Zeilen nachträglich als meinen Gast in Deinem Eigentum zu bekennen, nicht mehr als Bogner, den ich plötzlich von weitem hier aufgetaucht entdeckte, — ich mocht ihn nicht sehn. Daß Helenenruh Dein einziges Haben ist, dürfte mir bekannt sein, während mir die ganze bewohnte und unbewohnte Welt zur Verfügung steht. Dein Ergebener muß Dich jedoch bitten, ihn der Einsamkeit zu überlassen, die er für seiner nötig erachtet. Dieser Wink dürfte genügen, da mir bekanntermaßen freisteht, eine Annäherung, die als feindlich betrachtet würde, dadurch zu vereiteln, daß er sich in andre Gegenden dieses mit Recht so beliebten orbis picti begiebt.
Es verbleibt mit besonders herzlichen Grüßen in seiner Schuldigkeit:
Georg
Von Georgs Hand geschrieben
Jener, vom bekannten Baron Münchhausen mit dem Schwanz an eine besondre Eiche genagelte besondre Fuchs, als welcher durch Peitschenstreiche veranlaßt wurde, sich zu entfernen, den durch Gewohnheit lieb gewordenen Balg jedoch an Ort und Stelle zu lassen, ist eine immerhin wollüstige Vorstellung für die ins Fell der Gewohnheit eingewachsene Seele. Denn siehe da: nachdem es verwehrt ist, an Ihn zu schreiben, dessen dreimal geheiligten Namen der feurige Makkabäer zerriß und in die Winde streute, — was bleibt mir übrig, um den Tag zu ertragen, der sich inzwischen anstatt bisher üblicher sechzehn bis siebenzehn Stunden deren vierundzwanzig zugelegt hat? ‚Ein Rätsel ist Reinentsprungenes‘, sagt Hölderlin, zum Beispiel der Schlaf. Die meisten Menschen üben ihn bei Nacht aus; ich nahm ihn in kürzlich erst sich verabschiedet habender Zeit wie so eine besondre Arznei, alle Stunde einen Eßlöffel voll; aber nun hat mir so ein besondrer Beelzebub von hinterlistigem Satan die Flasche verstochen, und wo finde ich dieselbe? — Meist schleicht er sich abends herein, verabreicht mir einen Löffel voll — damit die süße Gewohnheit nicht schwinde! — und bleibt für den Rest aller Stunden unsichtbar. Was also bleibt mir? Ach: zwischen Leib- und Seelenonanieren blieb dem Menschen nur die bange Wahl! Aber so sei sie gewählt, die süße andre Gewohnheit des schriftlichen sich Niederlegens aufs platte Plättbrettbett des Papiers: das Schreiben, nicht wegen der besondren Unsterblichkeit, nicht wegen des süßen Pöbels, sondern ganz allein sui ipsius causa, um des Schreibens willen! Es ist Wollust, der eigenen Seele liebzukosen, zumal wenn sie leidet, und zugleich ist das Schreiben so ein förderliches Purgativ, ein besondres Sieb sage ich besser, den weichen Brei von Allerhand durchzurühren zur Beförderung der Erkenntnis. Man denkt zwar in Sätzen, aber merkwürdig: gedachte Sätze haben nie einen Punkt, und ein Punkt zwischen zwei Sätzen auf reinem Papier scheint mir so was unendlich Haltbares, um so mehr, je länger man drauf hat warten müssen.