Erlaube, daß ich gleich in medias res gehe. Gestern äußerte Georg plötzlich die Absicht, den geisteskranken Sigurd in seiner Anstalt zu besuchen, wofür er, als ich ihn zu hindern suchte, als Grund anführte, es sei „gewissermaßen seine christliche Pflicht“, Sigurd zu sagen, daß er ihm den zugefügten Schmerz nicht anrechne. Er sprach die Hoffnung aus, ihn in einer klaren Stunde anzutreffen, machte übrigens auch einige Andeutungen, dahingehend, daß „Verschiedenes noch unaufgeklärt“ sei. Alles was ich erreichen konnte, war die Erlaubnis zu einer telephonischen Anfrage in Lauensee, auf die ich den Bescheid erhielt, daß der Kranke nach einem letzten Anfall vor einigen Wochen der Stumpfheit anheimgefallen, daß eine Verständigung mit ihm also wohl ausgeschlossen sei. Leider ließ ich mich dadurch beruhigen und setzte es nur durch, daß ich Georg begleitete.
Es nahm aber einen ganz bösen Verlauf. Sigurd erkannte Georg sofort, es schien, als wollte er sich auf ihn stürzen, doch begnügte er sich mit einem Strom von Flüchen und Schimpfreden, nannte ihn Mörder, mit allen möglichen Zusätzen des Wahnsinns, Vater-, Mutter-, auch Schwestermörder, bis es uns gelang, Georg aus dem Zimmer zu ziehn. Er war zusammengefallen, sein Aussehn während der Fahrt war so, daß ich mitunter glaubte, mit einer Leiche im Wagen zu sitzen. Einmal nur sagte er etwas mir Unverständliches. Ich hatte ihn angerührt, er schien mich zu erkennen, nannte meinen Namen und sagte dann: Die sechste Seite! siehst du, nun haben wir die sechste! worauf er an den Fingern rechnete und sich verbesserte: nein, es stimmte ja doch nicht, die fünfte wäre ja Helene, und das stimmte ja nicht, — oder ähnlich.
Liebes Kind, Du kannst Dir mein Erschrecken vorstellen, aber höre erst weiter! Übrigens ist er, wie gesagt, nun ganz ruhig, spricht überhaupt nicht mehr, geht aber fortwährend, auch draußen bei dem nassen Wetter umher, während er früher nur immer dasaß und sehr viel schlief und dazwischen hastig schrieb, Briefe wohl, doch bekam ich nichts davon zu sehn. Der Himmel weiß, was daraus werden soll, ich bin nun auch bald am Ende meiner Kräfte, das mit dem Herzog hat mich gebrochen, die Arbeit häuft sich von Tag zu Tag, meine alte Frische habe ich längst nicht mehr. Dazu wieder die bösen politischen Aussichten! Aber da komme ich ins Schreiben und verschwende meine Zeit.
In der Nacht nach unsrer Rückkehr arbeitete ich noch in meinem Zimmer, die Türen zu Georgs Schlafzimmer — dem früheren seines Vaters — standen offen. Plötzlich hörte ich ihn drinnen stöhnen, dann in ein so verzweifeltes Geschrei, Klagen und Anklagen ausbrechen, wie ich es im Leben nicht gehört habe. Er hatte aber alle Türen seines Zimmers abgeschlossen. Ich kann das nun nicht beschreiben, er schrie einmal minutenlang nur immerfort: die Hölle, die Hölle, die Hölle! Dann rief er wieder nach seinem Vater, er schrie wie Sigurd: Mörder! und das schien er auf sich selber zu beziehn, und auch Sigurds Namen hörte ich und den seiner Schwester. Aber genug!
Alldies ging mir nun durch den Kopf, es muß ja irgend etwas Reelles dahinterstecken, eine Einbildung, eine Täuschung vielleicht, die sich beheben läßt, und da fiel mir ein, daß Deine Freundin vielleicht helfen könnte. Möchtest Du so gut sein und sie noch einmal genauestens nach ihrem Gespräch mit Sigurd in jener Nacht befragen? Da kann ja der kleinste Umstand von Wichtigkeit sein, und mir selber war in dem, was ich durch Dich erfuhr, einiges unklar geblieben, zum Beispiel wollte mir in Sigurds Plan von der Beseitigung aller gekrönten Häupter die Ermordung meines Herzogs niemals recht passen. Also sei so gut, und wenn etwas Neues sich ergeben sollte, teile es mir doch bitte gleich mit!
Ich werde mich vor allem freuen, Dich recht bald hier begrüßen zu können! Deine Anweisungen an den Verwalter Mahlmann habe ich wunschgemäß befolgt. Ich schließe mit meinen und meiner Frau herzlichsten Grüßen, bitte auch, mich Deiner Freundin ganz gehorsamst empfehlen zu wollen! In alter Treue Dein
Birnbaum
Renate an Dr. Birnbaum
Waldheim, am 19. September
Verehrter Herr Doktor!