Magda an Dr. Birnbaum
Waldheim, am 16. September
Lieber Onkel Salomon!
Nun siehst Du, jetzt kann ich wieder schreiben! Es geht sogar schon fast so schnell wie mit der Feder, und dabei ist die Maschine, die mein Freund Jason mir besorgte, nicht einmal eine richtige Blindenschreibmaschine; er hat nur die Tasten, die eigentlich weiße Lettern auf schwarzem Grund haben, mit weißen Plättchen belegt, weil ich die zumeist doch sehen kann, und dann hat er auf jeden mittelsten Buchstaben der drei Tastenreihen einen Tropfen Siegellack fallen lassen, so daß links und rechts sich auseinander halten läßt, und ich kam wirklich überraschend schnell vorwärts. — Heute wollte ich Dich bitten, doch so gut zu sein und Mahlmann zu veranlassen, daß er drei, oder am besten vier Zimmer im Gastflügel zurechtmachen läßt. Mein lieber Freund Bogner ist nun nach fast sechs Wochen so weit wiederhergestellt, daß er das Krankenhaus verlassen darf. Er hat allerdings noch eine offene Wunde im Rücken mit einer Kanüle darin, aber er darf sich doch schon bewegen. Ich sprach zufällig von Helenenruh mit ihm, und er erinnerte sich mit solcher Freude der hier verbrachten Wochen, daß ich ihn eingeladen habe, dorthin zu gehn. Eine sehr nahe Freundin von ihm, Frau Tregiorni, wird ihn begleiten, und wahrscheinlich auch noch das Fräulein Ring, durch die ich den Li habe, wie Du Dich erinnern wirst. Ich selbst denke, in den ersten Oktobertagen zu kommen und außer Renate den jungen Saint-Georges mitzubringen; er ist gelähmt und wird dann Schulferien haben. Ich würde eher kommen, wenn nicht Renate zögerte; ihr Onkel ist leider von sehr zarter Gesundheit und beansprucht ständig Aufmerksamkeit und Pflege; sie wird deshalb auch wohl nur einige Tage in Helenenruh bleiben. Mahlmann lasse ich dann bitten, für die zwei oder drei Wochen meines Dortseins ins Gestüt zu übersiedeln, da ich doch gern im alten Hause wohnen möchte und der Gastflügel auch besetzt sein wird. Alldas schreibe ich Dir, damit Mahlmann den Eindruck behält, daß ich bei Georg zu Gast bin, und nicht umgekehrt. Also vergieb, daß ich Dich zu Deiner vielen Arbeit auch noch behellige! Da Du von Georg nichts schreibst, so nehme ich wie verabredet an, daß in seinem Befinden keine Änderung eingetreten ist.
Auf baldiges Wiedersehen also! Ich sehne mich sehr nach Helenenruh! Ich werde ja nun eine zweite Kindheit dort haben, denn damals, nicht wahr, damals war es doch so, daß man die Dinge der Welt, die man sah, erst mit Händen fühlen mußte, um sie zu kennen, und das muß ich nun auch wieder tun. Ob meine Füße wohl die alten Wege gleich erkennen werden? Ich freue mich schrecklich darauf!
Mit vielen Grüßen an Tante Flora in Liebe Deine
Magda
Dr. Birnbaum an Magda
Helenenruh, am 17. Sept.
Meine liebe Magda, Dein Brief wird mir im selben Augenblick gebracht, wo ich mich hinsetze, um Dir zu schreiben. Du mußt nicht erschrecken, von einer großen Aufregung zu hören, in die ich durch Georg versetzt wurde, denn es scheint nun vorüber zu sein, und ihretwegen wollte ich Dir schreiben, indem ich mir vermute, von Dir, das heißt eigentlich von Deiner Freundin, Fräulein von Montfort, einige Aufklärungen erlangen zu können.