Denn: ‚so begannst du, mein Tag — Von Verheißungen voll‘: aus jahrelanger kindlicher Dumpfheit rauchte mit unbekannter Geschwindigkeit hervor die Flamme des Verstandes, die alle Dinge so überdeutlich — in einem Betracht — zeigte, daß die Beschäftigung ihres Erkennens ihm allein schon ruhmwürdig schien und ihn somit verschluckte, alldieweil das genügsame Herz, gespeist mit einigem Abfall, sich allein großzuziehn hatte.
So geschah es denn recte, daß ich — Beispiel Magdas zweite Errettung Jasons — allüberall mit Gedanken handvoll bei der Hand, zu spät kam in den Augenblicken des Fühlens oder Handelns. Die Ewigkeit habe ich allzeit großartig begriffen; den Augenblick niemals.
Immerfort mit mir selber im Schwunge wie mit einer irrsinnig gewordenen Gebetskaffeemühle sah ich von jedem, was vor mich hingeriet, stets so viel, wie der Blick aus der Dreharbeit nach oben eben hergab. So kam der Tag Esthers, und ich dachte an mich, scherte mich den Henker um sie und — lieferte sie demgemäß dem Henker aus. Seelisch immerfort großen Umgang pflegend mit Heroen und Dämonen, war ich immer unvorbereitet für Bruder und Schwester. So kam der Tag, wo Cordelia zusammenbrach vor mir, wo schon das Geständnis sich auf ihren Lippen wand wie eine flammende Schlange, aber ich ließ mich gerne beschwichtigen, auf später vertrösten, wo es zu spät war (denn immer ist später zu spät!), denn: der Mensch zwar hat eine besondre Membran erfunden, so fein, daß er über Länder und Ströme hinweg seiner Geliebten den Zustand seiner zärtlichen Gefühle mitzuteilen vermag: eine Membran aber, innerstes Empfinden der selben Geliebten ahnend aufzufangen im Augenblick, wo Leib sich preßte an Leib, die zu erfinden bemühte er sich nicht. Und ich, der ich ein Mensch bin: hatte ich nicht die Aufgabe, sie zu erfinden?
Ich? Freilich, es ist wahr, daß ich unter allen gewöhnlichen Menschen nichts bin als ein ebenso gewöhnlicher Mensch, und dennoch war ich nicht ganz ausgeschlossen vom Besondren, will sagen: der Gnade. Augenblicke erstrahlten schon ganz im überirdischen Feuer. Aus Nacht und Buschwerk hervortretend die Erlauchte — oh wie? durchflammte sie mich nicht mit einem Strahl ihres Auges? war nicht eine einzige Wimper ihres Lides stark und scharf genug zur magischen Durchbohrung, und ich brannte auf lichterloh? Was denn erlosch ich im Nu? Ich hatte doch die Kraft, das Schicksal über mir zu empfinden, das mich in jenem Augenblick an ihre Fußspur fesselte, und die Kraft, mich in meinen Grundfesten erschüttern zu lassen! Warum war ich denn so lau und so erbärmlich und gewöhnlich, daß ich nicht festhielt mit Klauen und Zähnen, und warum ließ ich mich fortlocken von jeder Stimme, die vorüberflog, jedem Bleiglanz, jeder trüben eigenen Not, all dem Zuvielen? Warum tat ich denn nicht, was not war, heftete mich an das Eine, unlösbar, mit allen Gewalten Leibes und der Seele, verfolgte es, setzte ihm zu, warf ihm immer neue Schlingen um, wenn es die ersten zerriß, ließ nicht ab von ihm, wich nicht von seiner Seite, wurde taub und blind gegen alles andre, gegen Blitz und Donner, Frühling und Winter, Leben und Sterben, nur aufdürstend, nur auflodernd in der Flamme! Statt dessen taumelte ich so umher, war immer gut und niemals mehr, verirrte mich in der Vielheit, sah immer — o holdes Wort der Gepriesnen! — nur Masse, nur Masse, richtete nichts als Unheil an und stand und stehe nun da endlich, die Hände von Schätzen leer, aber übervoll von der Schuld. Wenn ich das Eine getan hätte, wären mir nicht vielleicht Kronen und was ich nur wünschte freiwillig in den Schoß geregnet? Ich hätte gelebt, ich lebte noch, und Alle mit mir, die nun dahin sind durch mich. Warum, ja warum bin ich denn gewöhnlich, wenn ich Wort um Wort und Schale um Schale weiß, wie man es macht, es nicht zu sein!
In einer übertriebenen, wegen der Maske übertriebenen eingebildeten Sicherheit raste ich mördrisch mit Keulen umher, da im Gegenteil alles unsicher war, und unsicher in Wahrheit bis ins Mark unaufhörlich tanzte ich herum mit Lemuren und Chimären der tausend fernen Möglichkeiten, immer ins Weiteste gerichtet, augenlos immer fürs Nächste, die nächste Sigune! Ratlos bis ins Mark vor lauter gedachtem Tunwollen war ich am Ende nur immer froh, ja lieber nichts zu tun, als etwas Bestimmtes, und Esther ging in den Tod, Sigune ging, und Cordelia fragte ich nicht nach.
Dreimal kam der Tod selber, um mich zu warnen — ich überhört’ es! Oh die ewige Schande, nicht eher zu wissen von einer Not, ehe man sie selber erfuhr! nicht eher zu wissen vom Tod, ehe selber man starb.
Hemmungen, aha! Hemmungen der Tat, die hatte ich gut und gern, aber hatte ich je eine einzige Hemmung meiner Gedanken? In Erwartung der Geliebten — ich konnte ja nicht einmal den Urin verhalten und dünkte mich wahrhaftig zu lieben, als ob es möglich wäre, seine Notdurft zu verrichten in der Stunde der Unsterblichkeit. Magda, sie wars, die Jason aus dem Teich holte, Magda, die ihn vor der Windmühle bewahrte, und ach, da blüht nun meine Verworfenheit auf dem Mist, denn: Jason retten, heißt das nicht, Gott selber aus dem Wasser ziehn? Ich aber, ich wars nicht wert (obgleich dieser Bogner sich damals hinstellte und die Hände aufhob: Danken Sie Gott, Sire, daß nicht Sie diese Verantwortung und so weiter!) und kann nun heulen und mich zerknirschen und zerreißen am zu späten Tag, daß ich beim Ewigen ewig dabeistehn muß und darf es nicht tun! Ist das die Hölle? Ist das Höllenpein? Ist das auszudenken? Ja, denke, denke du nur, laß die Schwäche groß handeln und setze du den Grübelbohrer an Maler Bogner. Oh meine Herren Richter, bilden Sie sich vielleicht ein, ich hätte irgend was vergessen? Freiwillig geblendet hab ich mich, an den Augen kastriert, als mein Herr Vater mir eine gewisse besondre Mitteilung über meine Geburt machte, und da tappte ich denn ins Leben hinein wie der blinde gewesene Hengst Unkas, nur Eines, nur Eines in Nase und Nieren, daß es mir ja nicht entwiche, o du heiliger Mistgeruch aus der eigenen Stalltür: die Gewohnheit.
Gewohnheit, das leirige Gleis, zog mich widerstandslos dahin, und wo mir das Große, Heilige, Ewige entgegentrat, den Blitz in den Händen, da zog ich hurtig die Weiche auf, da hielt ich hurtig den Ableiter vor, glitt glatt weiter mein Gleis, geführt statt zu führen, und was — statt des Erlauchten, Unsterblichen — was bekam ich? Cora bekam ich, das Halbe, das Armselige, das Ding, ‚das wie Gold ist aus Lehm‘, den Antichrist!
Gnädiger Gott, der du bist! Wenn es denn möglich sein soll, wenn es aus all diesem noch einen Weg geben soll für mich, so bewahre mich vor dem einen: ja, wahrlich, wenn ich auch mit Blut und Knochen, mit all meinen Sinnen und Übersinnen wieder hinein muß ins Alte, — so sei mir gnädig und verhilf mir zu dem Einen: nicht der Gewohnheit wieder anheimzufallen mit meiner Seele! Daß ich meine eigenen Gedanken sehe wie Sterne, meine eigenen Gefühle fühle wie Blumen; daß ich nicht dem Ungefähren nachtappe, wie ich das Pferd Unkas sich selber nachtappen sah in den ewigen Stall!
Ich bin zu Ende.