Mein Geliebter seit Ewigkeit, das warst Du! Und Alle, Alle, alle Geister der Erde haben es gewußt, nur ich nicht, nur ich! Und ob ich es nun auch zehntausendmal weiß: ich sehe mich nur immer an und frage mich und kann nicht begreifen: Warum ist sie denn jetzt süß, diese Brust, die linke und rechte, und süß dieser Mund, süß das Haar und die Knie und der ganze Leib unaufhörlich ein schluchzendes Wunder von Süßigkeit, warum, wenn er es vorher nicht war?

am Abend

Ich habe Dich im Süden und Norden gesucht, mein Geliebter, ohne Dich zu finden, kam müde heim, und da lächelst Du mich an aus meinem Herzen. Der Mond stieg, die liebliche Sichel, aus dem Meer. Nein, nicht aus dem Meer kommt der Mond, sondern aus der Tiefe der Welt; nicht aus mir kommt die Liebe, sondern aus der Tiefe der Welt; und Mond und die Liebe, sie fahren einer im andern durch mich und das Meer in die ruhige Tiefe der Welt. Schlafe wohl, mein Geliebter!

Renate an Irene

Helenenruh, am 8. X.

Irene! Irene, muß ich wirklich, oder besser noch, darf ich es wagen, den Drachen des Schweigens, von dem Du Dich verzehren lässest, mit dem Schwert meiner Rede zu bestehn? Ich könnte Dir, arme kleine Aja, freilich auch einen richtigen Saint-Georges zu Pferde schicken, der Dir und mir den Lindwurm erlege, aber leider kann ich ihn heute noch nicht entbehren ...

Oh Worte, oh Worte! Komme zu mir, und Du wirst alles wissen. Ich bin glücklich, Du kannst es auch sein! Ich liebe, Du kannst es wie ich, ich werde geliebt, und Du kannst es werden. Kannst Du nicht lieben? Liebst Du nicht lange? Ich sage Dir, Irene, daß Du rasend bist, wenn Du andre Wege irgendwo suchst und vermutest, daß Du rasend bist, wenn Du nicht aufbrichst auf dem einen Weg, Dich hinzuwerfen und zu lieben!

Liebe, liebste Irene, muß ich Dir vielleicht noch erklären, wie Du das machst? Laß Dir sagen, Du brauchst nichts zu tun, als hinzugehn, wo Dein Georges, also Dein Klemens ist, und zu bleiben und zu lieben. Wenn er sich wehren sollte, so mußt Du ihn mehr lieben. Dann könnt Ihr Euch heiraten oder nicht heiraten, aber von nun an sollt Ihr alles gemeinsam tun, schlafen und essen, Werktage haben und Feiertage, eine Wohnung nehmen und drin wohnen, Einkäufe machen und Bücher lesen und Spaziergänge machen und keinen Armen von Eurer Türe weisen, und was es auch sei: hierin, hierin wird Eure Liebe, die Liebe sich zeigen und bestehn, und wenn dies so ist, werdet Ihr heilig geworden sein und dürft mit Eurer Berührung schon an Kranken und Beladenen, an Traurigen und Schwachen — Wunder der Liebe entfalten.

Dies verheißt Dir

Renate