Renate an Saint-Georges
Nachts am 9.
Heute nachmittag fuhren wir vom Böhner Hafen im Segelboot nach Hallig Hooge, Magda und ich mit Deinem Bruder und Li. Ulrika ist nun im siebenten Monat, und man sieht es; sie ist sehr still geworden, ihr Gesicht erschreckend verändert und auseinandergetrieben. Dem Maler — doch davon nachher. Wie die Insel aussieht, weißt Du, der Tag war köstlich, kühl, aber licht, der große, von allen Seiten her aufgebaute Himmel bewegt von reichen Scharen riesiger Wolken, schneeweiß, das Meer darunter, von ihren Schatten durchdunkelt, in Streifen schwarzblau und lebhaft bewegt, aber ganz ohne Schaum. Als Ebbe war, zogen Ulrika, Magda, die Cornelia und ich Schuh und Strümpfe aus und wandelten als Kette Arm in Arm den Strand hin, schrien und sprangen, wenn eine Welle über unsere Füße ging, und auf seinem Turm stand der arme Sternedeuter Georg mit einem langen Handfernrohr und betrachtete uns durchbohrend. Aber er zeigte sich nicht, obwohl wir Li als Boten zu ihm schickten. Armer Georg! Ach, und arme Liebe, die Magie ist nur an Zweien, an mir und an Dir! Müßte ich nicht die Hand auf seine Stirn legen können und sagen: Stehe auf und wandle? — —
Ich habe keine Grenzen an mir, wenn ich allein bin und eingehe in unsern ewigen Gedanken. Immer wieder ist sie dann, die einzige Stunde, und alles hebt wie damals an: aus unsern Herzen der einige Strom, großen Ganges durch die schlafende Welt, wir selber der Strom, nicht mehr Gestalt, nur unermeßlich Fluten, Wogenberge gleitend hingetürmt, durchqueren wir das alte Erdenland. Nicht einsam, Geliebter, nicht einsam! Sieh, es bevölkern sich unsre glücklichen Gestade, und wir, heilig leben wir, verhundertfacht wieder haben wir Herz und Odem und Gestalt in allen Wesen, die wir laben: Wenn sie, die großen Fabeltiere, sie, die erlauchte Tiere noch sind, Behausungen nur der Götter, noch Götter nicht, noch nicht Strom, die einsamen Liebenden all: wenn sie von ihren Weideplätzen hergewandert kommen scharenweis, oder auch einzeln in der dumpfen Leidenschaft der Einsamkeit; wenn dann ihr tief und frommes Schlürfen hörbar ist allein im weiten Mondesschweigen: oh wie leb ich, wie leben wir dann, tränkend, nährend, Liebe zeugend, da wir Liebe sind!
Und ich weiß, daß es einmal sein wird, weiß, daß Liebe Liebe zeugen wird, einmal, ich weiß — —
Und dennoch: es braucht nur irgendein Mensch vor mir zu stehn, leibhaft, so habe ich schrecklich nahe Grenzen überall, und kaum ein Strahl dringt aus meiner Hülle zu ihm. Wer sieht denn die Liebe, ach wer? in ihren Augen sind wir gewöhnlich wie sie selber, gekleidete Menschen mit Aussehn und Handeln: aber doch Liebende nicht! — Bogner freilich, er hat ja selbst einen Gott in der Brust, der erkannte sich gleich mit dem unsern, und sie lächelten einander zu. Noch seh ich ihn vor mir sitzen auf seinem Feldstuhl oben auf dem Deich — Stehen und Gehen gelingt ihm noch kaum, obgleich er schon ganz gut Fleisch angesetzt hat, auch braun geworden ist und sein Auge wieder das alte, helle — dasitzen und zu mir aufschaun mit seinen einzig sehenden Augen. Er sagte kein Wort, hielt nur meine Hand, und so erfuhr er alles und lächelte und war meiner froh.
Es wurde Nacht, ehe die Flut kam und wir zurückfahren konnten. Das Wattenmeer regte sich kaum, wir schaukelten auf seinen Atemzügen, schön wie ein Geist stand das bleiche Segel unter den herbstlichen Sternen. Da sah ich zum ersten Mal in diesem Jahr den Orion, Zeichen des Winters, und ich bat ihn, den großen Jäger, daß er mir Dich erjage und bald, bald die heilige Beute lege an mein zitterndes Herz!
am 10.
Du hast mir so schöne Namen geschenkt, mein Geliebter, und ich hole sie so behutsam hervor wie irgend wirkliche Kleinode, halte sie lang in den Händen und freu mich an ihnen, ehbevor ich sie anlege und vor den Spiegel trete, noch schöner als schön! Ach, und wenn jemals eine Armut war in meiner Schönheit, wie ist sie nun Reichtum geworden durch deine allsehenden Augen!
Ach ja, mein Gebieter, wenn Du sagst, daß ich die Magnetnadel sei, die niemals jemand einstellen könne als sie selber, so will ichs gern glauben, und die drei Jahre tun nicht mehr so weh. Mit Libussa aber, dieser Huldin, das stimmt doch schon gar nicht, denn wo blieb das weiße Pferd? Oder sandt ich es wirklich — im Traum? Am Morgen mags gewesen sein, als ich am Parkrand schlief nach dem Bad; der Nebel war so weiß, da machte mein Traum draus einen Schimmel und schickt’ ihn zu Dir, und da kamst Du auf ihm geritten durch das Wasser des Teichs, denn war die Brücke nicht hoch? Woher aber dann die nassen Beine, mein Fürst, wo das Wasser doch ganz flach ist für ein Pferd? Nein, nein, ich seh Dich schon durchwaten, ich seh Dich, und Du bist der umgekehrte Christoferus gewesen, — oder wars nicht so, daß die Last der Liebe auf Deiner Schulter leichter und leichter wurde mit jedem Schritt zu mir her?