Die Doggerbänke sind Dir bekannt. Die dort mit Netzen Fischenden kehren wochenlang oft nicht zurück, leben wochenlang schweigsam, nur mit ihrer schweren Arbeit beschäftigt mitten in der riesigen See, im Regen, im Nebel; auch ihre Boote trennen sich weit voneinander; jede Mannschaft arbeitet in völliger Abgeschiedenheit, im Unsichtbaren.
An einem Nebelabend gewahrte die Besatzung eines fischenden Kutters plötzlich in fast schon gefährlicher Nähe ein andres Boot, das auf das ihre zukam ohne Laut. Sie schrieen Warnungen hinüber, sie lärmten und fluchten, allein das stumme Boot kam näher und näher, fuhr endlich so, daß Bordwand an Bordwand streifte, an dem Kutter vorüber. Drin saß die Mannschaft an ihren Plätzen, ohne Bewegung, ohne Laut. Nur der am Steuer sagte, als sie fast schon vorüber waren: „Wir dürfen keinen Lärm machen.“ Der Ton lag unmerklich auf dem Wir. — Der Kutter schwand im Nebel. Später ward offenbar, daß jenes Boot an jenem Abend an einer meilenweit entfernten Stelle untergegangen sei.
Als ich aber dies Geschehnis berichtet hatte, erhob sich Ulrika ohne ein Wort und ging hinaus.
Wir Andern, Bogner, Cornelia und der Notwendige, schwiegen ziemlich lange. Bogner zeigte sich dann besonders verwundert und ergriffen von dieser Art und Weise und der Haltung der Toten. Daß sie kamen, nicht anders als im Leben erscheinend, jedoch auf eine unbeschreibliche Weise feierlich und verschönt. Der Sohn der Sterbenden schwieg und sah nur die Mutter an; die Schwester schrie; er schwieg und ging wieder. Er hatte sich nur zeigen wollen. — In dem Boot die Lebenden lärmten, die Toten verhielten sich still, nur einer mahnte ruhig: Wir — dürfen keinen Lärm machen. — Noch so viel Güte, daß er wegen der bewußtlosen Lebenden das Schweigen brach!
Und noch dies Seltsame: die Doppelheit der Menschen! Ihr eines Halb sah die Erscheinung, hatte Verbindung mit dem Jenseits, und zwar vermittels derselben Sinne, mit denen ihr andres Halb die Erscheinung nicht begriff und sie für natürlich und ihresgleichen hielt.
Nun, so kamen wir wieder ins Gespräch, und es war begreiflich, daß ich nun auf das in unsrer besondren Nähe befindliche Gespenst zu sprechen kam, das diese Insel für Jahrzehnte unbewohnt gemacht haben soll, nämlich den sogenannten Dränger, eine Erscheinung, die übrigens auch in andern Gegenden bekannt ist. Hier ists der weiland Deichhauptmann Waldemar Montanus, der bei Ebbezeit einsamen Gehern außerhalb des Deiches im dichten Nebel erschienen sein soll mit der ausgesprochenen Absicht, dieselben in die See zu drängen. Sie verloren nämlich die Besinnung vor Angst, den Deich aus den Augen, er drängte und drängte von hinten, von der Seite, von überallher, kurzum: er drängte sie in die See. Wenn dazu berichtet wird, daß der Deichring um Hallig Hooge, der an der Wattseite ein breites Loch hat, in solchen Nächten geschlossen sein soll, so liegen dem wohl die Erfahrungen zugrunde, daß Angst erstlich die Sinne blendet, so daß der Verfolgte das Deichloch übersah, und zweitens die Zeit und den Weg unmäßig in die Länge zu dehnen pflegt, also daß der Verfolgte meinte, die Lücke im Deich, die er nach wenig Schritten vielleicht erreicht hätte, sei schon vorüber, worauf er womöglich umdrehte und nun niemals mehr hingelangte, — allein wer weiß das eigentlich? Der Betreffende konnte es kaum weiter sagen.
Heut abend nun — oder gestern, wie Du willst, es geht nun auf morgen — wollte Bogner, indem wir wieder beisammen saßen, auch wieder von diesen Gespenstergeschichten anfangen, aber Ulrika stand gleich mit einer besondern Schroffheit auf und bat zu schweigen. Sie setzte sich nicht wieder, blieb eine Weile stehen und ging dann hinaus.
Wir sprachen trotzdem nun nicht weiter. Ich dachte, was wohl auch die Übrigen dachten, daß jemand ihr folgen solle, aber sie liebte es, allein zu gehn, und ich hatte beim Herkommen aus meinem Turm den halben Mond über dem dünnen Nebel stehen sehn. So saßen wir längere Zeit schweigsam im größeren Schweigen der Stunde. Das Zimmer war voller Schatten rundum, die Petroleumlampe brannte auf dem Tisch, seitwärts dazu saß der Maler, ich im Sofa dahinter und rauchte, irgendwo waren die Augen Cornelias, dunkel und glänzend, und irgendwo das rechteckige Gesicht des Notwendigen. Dann stand Cornelia auf und sagte mir, durchs Zimmer und hinausgehend, mit den Augen, daß sie Ulrika folge.
Nein, kein Unheil hing in der Luft; es war durchaus besonders friedlich. Auch der Hauptmann, der sich einige Minuten nach Cornelias Fortgang erhob und ihr nachging, sagte später, daß er zwar einen gewissen, besondern Zwang empfunden habe, jedoch ohne jede Besorgnis.
Aber Minuten später erschreckten uns eilige Schritte im Flur, Cornelia riß die Tür auf und schrie mir zu, ich solle sofort kommen, der Hauptmann könne sie nicht allein tragen ... Bogner nämlich galt ihr noch für zu schwach, obwohl er inzwischen schon beinah grade geworden ist. Er war denn auch zugleich mit mir in der Tür, Cornelia berichtete fliegend, sie habe Ulrika nirgends gefunden, dann einen dünnen Schrei gehört, sei zur Deichlücke gelaufen, habe wieder den Schrei gehört und nach einigem Suchen, wenige Schritt weit am Fuß des Deiches Ulrika gefunden, zusammengekrümmt, sich windend und stöhnend in Krämpfen. Die Zuckungen der Wehen verhinderten den notwendigen Hauptmann, den die um Hülfe zurückrennende Cornelia traf, sie zu tragen.