„Und wenn ich jetzt sterbe, und wenn ich jetzt glauben muß, daß es alles nicht wahr gewesen ist, der Schmerz nicht wahr und die Not und das Heilige, alles nicht wahr, weil ich zugrunde gehe und mich Lügen strafe, — ja, wenn es nicht wahr gewesen sein soll an mir, so will ich doch bis zum letzten Atemzug glauben, daß es Wahrheit ist in der Welt, und daß diese Not und dies Glück, dieser Druck und dies Heil das einzige ist, was Leben hat in der Welt! Es braucht keine Götter zu geben, es soll keine Götter geben, aber —

„Aber der Mensch auf seiner Erde, mit strotzenden Armen umspannt er den Baum und preßt einen Gott heraus, der seufzend sich aus den Blättern neigt, und Vaterlächeln aus rauschenden Zweigen. Er sät die funkelnde Drachensaat der Sterne in seiner Winternacht, und es steigen und beugen sich Gestalten heraus, blühende, Tiere und Menschen, der selige Delphin, die Jungfrau und der Jäger. Er zeugt dennoch, der Mensch, was größer ist als er: den Sohn. Er stellt den Sohn vor sich hin und spricht: du sollst mein Feind sein und über meine Leiche höher steigen, ich soll dein Knecht sein, dein Widersacher, dein Stachel, deine grenzenlosen Mächte zu entfesseln, und auf meinen Schultern stehend, sollst du in den Himmel reichen. Ich soll dich in Bande schlagen, und du sollst an ihnen deine Zähne wetzen. Ich soll dich verfluchen, ich soll dich durchsäuern mit meinem Fluch, daß dein Dasein genießbar werde für Geschlecht und Geschlechter. Ich bin dein Engel, Jakob, ich schlage dich auf die Hüfte, aber du wirst mir die Krone des Lebens aus den Händen reißen. Und wenn im Morgengraun nach der langen Kampfnacht über dir die Drossel singt, so soll dein ganzes Haupt wie eine kalte reife Traube am Berg liegen, berstend von Süße, ein Wunder der Erde an Erfüllung.“

Georg an Benno

auf Hallig Hooge, im Dezember.

Ich empfinde die besondre Pflicht und den Auftrag, Dir mitzuteilen, daß Deine Freundin Ulrika Tregiorni im Begriff ist zu sterben. Im Bewußtsein Deiner besondren Verehrung für ihr reines und zartes Wesen, will ich nicht unterlassen, die einzelnen, ihr plötzliches Ende herbeiführenden Umstände vor Deiner Teilnahme auszubreiten. Sollte das Ende, das wir zur Stunde nahe befürchten müssen, wider Erwarten nicht eintreten, so werde ich es Dir am Ausgange dieses Briefes mitteilen.

Nachdem bis vor wenigen Tagen ein unveränderlicher Nordwestorkan über unsre Insel getobt hatte, sprang der Wind in einer Nacht plötzlich um, wehte einen Tag lang warm und nässend vom Lande herüber, legte sich dann oder verschwand, und über die beruhigte See zog sich ein dichter Nebel, der die Aussicht verbarg. Ich erinnere mich, daß infolgedessen ehegestern oder schon vorehegestern (wer hält all die Tage auseinander?) zwischen Bogner, Ulrika und Cornelia beratschlagt wurde, ob sie, Ulrika, nicht die Tage der Meeresstille benutzen solle, um jetzt schon zum Lande hinüberzufahren, wenn auch ihre Entbindung erst in ungefähr einem Monat bevorstehe; weshalb es dann unterblieb, entzieht sich meiner Kenntnis.

Wer sich einmal an eine Abgeschiedenheit wie die unsre gewöhnt hat, der mag eben gar nicht wieder weg. Zwar ich, der ich, wie bekannt, oben auf dem Deich wohne, im Fenster also das Wasser habe und von der Plattform meines Turmes aus die ganze See, ich behielt noch ein gewisses besondres Gefühl von Welt, obschon von Wasserwelt nur. Die Andern jedoch in der haushohen Umwallung des Deiches, die sie selten ersteigen, leben in einer warmen Enge, zu der kein Zugang ist, die keinen Bezug mehr zu irgend etwas hat, die völlig für sich allein da ist, durch Tage und Nächte überwölbt von dem Donner der See. Der aber war nun verstummt; plötzlich war in den Häusern der klagende Schrei des Tütvogels hörbar, langsam dehnte und entfaltete sich die Stille mit dem Nebel und ward ungeheuer.

Damit Dir das Folgende verständlich sei, bin ich genötigt, einiges von einer Unterhaltung zu schreiben, die vor etlichen Tagen zwischen Bogner und mir stattfand, und der auch die Frauen — nebst dem notwendigen Hauptmann — beiwohnten, diese drei schweigend nach ihrer Gewohnheit. Die Rede war nämlich angelangt bei den Bewohnern dieser Küstengegend, ihren Sitten und Eigentümlichkeiten, und hielt alsbald bei der besondren Erscheinung des zweiten Gesichts, die ich Dir erklären oder, falls Du Dich an frühere Auslassungen meinerseits erinnern solltest, ins Gedächtnis zurückrufen werde. Die Erscheinung ist, wie Du weißt, nicht nur hier auf den Inseln und Halligen nordwärts, sondern auch auf dem Festlande verbreitet, in ähnlichen Formen zudem in Westfalen und Schottland. Ihr Ursprung ist vermutlich die ungeheure Einsamkeit einerseits, welche die in ihr Hausenden zwang, übersinnliche Fäden der Wahrnehmung zu weit fernen Personen hinüberzuspinnen, andrerseits der vielfältige Zusammenhang mit abwesend verstorbenen Menschen, das heißt den auf See umgekommenen Söhnen, Vätern und Gatten. Stelle Dir die Inseln vor, die winzigen Halligen, überhängt von der stürzenden See, das Leben dort, im Winter zumal, in den Nächten ohne Ende, die Einsamkeit dieser Gehöfte und Werften, abgeschnitten durch Wochen und Wochen von jeder Verbindung, dazu die jahrtausendlangen Kämpfe mit den drei ewigen Gewalten, See, Wind und Sand, die ohne Unterlaß fraßen, Land fraßen und Menschen. Da begannen die monatelang Nachricht voneinander Entbehrenden den furchtbaren Raum der Einsamkeit zwischen sich zu durchstoßen mit ihrer Seele, die jenseits hervortrat und sich zeigte. Wann gelang ihnen das? In den besonderen Augenblicken des Lebens, im einzig besondern, in dem des Todes. Begräbnisse wurden sichtbar, Sarg und die Lichter, Gesang erscholl, das Trauergefolge zeigte sich deutlich. Und es kamen die Toten aus der Nacht- und Wasserferne und zeigten sich, so daß man wußte: sie waren tot. Diese wurden ‚Gänger‘ genannt, die Gehenden, Wiedergehenden, Wiederkommenden unter den Toten. Ich erzählte Bogner den folgenden Vorgang, den mir ein Pfarrer als eigenes Erlebnis berichtet hat, ein Mensch übrigens, trocken und klar, ohne unsre Nervenphantasie, wie all diese Menschen hierzuland.

Zu Besuch bei einem erkrankten Freunde und Amtsbruder auf einer der nördlichen Inseln — große Schafherden weiden dort fast wild; ich vergaß nun den Namen —, folgte er an seiner Statt der Bitte eines Mädchens zu ihrer im Sterben liegenden Mutter. Die Strecke zu ihr, stundenweite Wege im Dünensand, wurde im Wagen zurückgelegt, sie kamen mit Einbruch der Dunkelheit an, das Haus lag hinter den Haidhügeln der Wattseite, Wiesen, bevölkert mit Schafen, erstreckten sich von ihm aus zu den Hügeln und Gletschern der Sanddünen. Du kennst die langgestreckte Form der niedrigen Häuser. — In ihrem Bettschrein lag die sterbende Frau ohne Besinnung. Der Pfarrer setzte sich zu ihr, ein mögliches Wachwerden erwartend; die Tochter kniete am Bett, in dessen Nähe ein Licht brannte. Da sieht der Pfarrer eine dunkle, menschliche Gestalt draußen an den Fenstern vorübergehn, in der Richtung der Haustür. Aus diesem oder jenem Grunde erhebt er sich und geht aus dem Zimmer auf den schmalen Hausflur zwischen Vorder- und Hintertür. Die obere Hälfte der vordern steht offen, von draußen herein lehnt ein Mensch, still, bleich, die Haare hängen ihm unordentlich in die Stirn. — Wünschen Sie etwas? fragt der Pfarrer. Kommen Sie doch herein! — Er öffnet die Tür, tritt zurück und wiederholt seine Aufforderung; wiederholt sie ein zweites Mal, schon in der Zimmertür. Jetzt kommt der Mensch ihm nach, betritt das Zimmer, sieht die Frau im Bett und setzt sich auf einen Stuhl, immer die Augen auf das Bett gerichtet. Da schlägt die Frau die Augen auf und sieht ihn. Die Tochter folgt ihrem Blick, sieht den Fremden, springt auf, stößt einen Schrei aus und sagt: Jan! — Der Mensch erhebt sich nach einer Weile wieder und geht hinaus, wie er kam. — Die Frau starb bald; die Erscheinung war die ihres Sohnes, der in jener Nacht ertrank.

Diese Erzählung erregte den Maler auf so besondre Weise, daß ich ihm gleich noch eine vortragen mußte, und zwar die von den Doggerbankfischern.