„Aber dies ist es ja nicht. Nun stelle dir vor, Georg: eine alte Frau von beinah sechzig Jahren kommt zu ihrem lange verschollenen Sohn, der heimkam. Sie war auch einmal gegen ihn gewesen. Aber nun, wo er kam und sie ihn so gealtert sah, da weiß sie auf einmal, daß er vieles gelitten hat, und da steht ihr eigenes Leiden auf, das sie immer verschwieg, und da muß sie kommen und es sagen und weiß, daß ihr Sohn sie versteht. — Und nun sitzt er vielleicht da und denkt an fünfzehn riesige Jahre, und daß es nun ist, als wären sie nur gewesen, damit sie nach ihnen zu ihm kommen könnte, und daß sie und er sich verstehen. — —
„Und also fängt sie an, eine alte Frau, die das Ihre berichtet in ihrer Sprache; die nicht erzählt, sondern der in wirrem Durcheinander hundert Züge der Erinnerung einfallen; die es nicht darstellt, wie in einer künstlichen Novelle etwas dargestellt wird, sondern die darüber spricht, sich beschuldigend, den Mann entschuldigend, den Dritten entschuldigend, sich wieder ent- und die Andern beschuldigend, und das wieder zurücknehmend oder aufhebend; immer nach Gründen suchend und doch ganz ratlos. Sie hatte es gut ertragen, und doch ballte es sich einmal zusammen und verlangte, gesagt zu werden, und da sagte sie es mir, ihrem Sohn. Es war doch das Heilige gewesen. Es war das Jahr gewesen, wo sie über sich stand, wo sie mehr wollte als sich, wo sie sogar ihre Kinder nur als einen Teil ihrer selbst empfand und sich davon trennen zu können glaubte. Und sie hatte Moral, sie sagte: die Strafe blieb ja auch nicht aus ... indem sie meinte, daß ihre Tochter klein starb, und daß ich zehn Jahre später verloren ging.
„Siehst du, Georg: man wird doch unruhig, wenn man dergleichen hört, wie ich damals. Man versuchts doch wieder mit dem Rütteln und sagt: Wenn ... und: Vielleicht ... Wenn nun ich, als meine Mutter dies erlebte, etwas älter gewesen wäre und es erfahren hätte? Ich würde mit ihr im Vater den Feind gesehen haben und sie vielleicht bewogen, von ihm zu gehen. Der Unbekannte und sie und ich, wir wären dann vielleicht glücklicher geworden, ich hätte einen Vater gehabt, sie einen Sohn und — so etwas denkt man denn.
„Ich hätte es auch zu einer Zeit hören können, wo ich meinen Vater für einen Verbrecher und ein Tier gehalten hätte. Ihn, der doch Gewalt brauchte, wo kein wahres Recht mehr für ihn war; ihn, der eine Frau in sein Bett zurückzwingen konnte, die ihn nicht liebte, die ihn haßte; und dies aus nichts als aus Lust, aus Bedürfen. Ihn, der endlich so klein war, daß er auch in diesem nicht etwas Großes sehen konnte, um sich dadurch ändern, sich nur auf sich besinnen zu lassen. Hätte er sie noch gehaßt, sie gepeinigt, sie erniedrigt, so wäre es doch Leben gewesen. Aber er blieb, was er war, kleinlich, mäkelig, alltäglich. Er war nicht schlecht; er hatte nur sein Wissen und seinen Besitz, seinen Trauschein und seine Triebe, und wollte sich nicht hindern lassen an alldem.“
Bogner sprach längst nicht mehr so gelassen wie im Anfang. Er hatte sich mir wieder zugewandt, sein zerfallnes Gesicht war gerötet, er versuchte immer wieder sich aufzurichten, und nun stieß er die gespreizten Hände hinter sich und sagte mit unterdrückter Stimme der Heftigkeit:
„Da quälen sie sich und quälen sich und verspritzen ihr Blut in den Unsinn, tun immer das Falsche, klagen immer den Andern an und weinen und sterben und haben selber die Schuld. Ich habe jahrelang gehungert, und das war es nicht! Ich habe jahrelang im Elend und im Finstern gelegen und geschrieen nach einem Einzigen, der bei mir wäre, und das war es nicht! Ich bin verzweifelt und hab sterben wollen, ich hab mich geschändet und gedemütigt und zerknirscht, und all das war es nicht! Alles das ist vergangen, ist vergessen, und geblieben ist immer nur Eins, das Eine, das ich nicht kenne, das hier in mir sitzt und sich abarbeitet, das Unbekannte, das Unmenschliche, nicht Ehrgeiz, nicht Ruhm, kein Wollen, keine Lust, keine Freude, keine Qual, nur dies — Rütteln, dies Rütteln in mir, das will, daß ich male.“
Er hatte gesprochen wie in einem magischen Zustand. Der fiel nun plötzlich ab, ich sah ein furchtbares Schaudern über sein Gesicht und seinen Körper gehen, er ging auf den nächsten Stuhl zu und setzte sich darauf wie ein Knecht.
Nach einer Weile sagte er erschöpft:
„Ich rede von mir selber. Es war nicht meine Absicht.“
Plötzlich packte er die Kante des Tisches mit beiden Händen, als wollte er ihn wegstoßen; sein Gesicht veränderte sich in einer schrecklichen und unmenschlichen Weise, ich glaubte, er würde schreien, aber er sagte all das, was nun kam, nicht laut, nur mit einer ungeheuren Gedrungenheit in der Stimme: