„Habe ich das gesagt?“ fragte Bogner nach einer Weile. „Dann wird es dieses heißen:
„Du sagst: das Gute. Giebt es ein ‚das Gute‘? Es hat ein jeder sein Gutes, nämlich was er für gut hält, ohne daß irgendeine Beeinträchtigung seines Wesens damit verbunden wäre. So ist auch das, was uns ein Immergutes ist — Eltern, Geliebte, und was du noch willst —, nicht gut mehr, wenn es uns hindert. Wir können nur um unsrer selbst willen sein. Ob wir lieben oder hassen, töten oder uns opfern, verzichten oder erobern, bitten oder befehlen: all dies geschieht um unsertwillen von uns, weil wir so sind und so müssen. Was wir Altruismus nennen, kann nur eine Komponente des Egoismus sein, ob er bis zum Opfer, zur Selbstvernichtung geht oder nicht. Wir können ewig nur auf egoistische Weise altruistisch handeln. Und es wäre die vollkommene Art, den Egoismus zu befriedigen, indem wir ihn in altruistischem Wesen darstellen. Der Mensch kann nur sich selber gut sein; aber er kann sich in der Vollkommenheit gut sein, indem er es gegen Andre ist.
„So gut sein, daß nichts mehr mich behindern kann — das wäre zu wünschen. Es wird nicht gehn. Der Tätige kann nicht nützen, ohne zu schaden. Malen ist gut; aber wenn dein Vater nicht will, daß du malst? Wenn er aus reinem Altruismus überzeugt ist, es sei besser für mich, wenn ich nicht male?
„Darum sagte ich, sie sind Alle gut, denn das heißt: sie wollen Alle nicht das Schlechte; sie wollen sich nur nicht hindern lassen an ihrem Guten.“ Er lächelte plötzlich.
„Etwas fällt mir ein“, sagte er dann ernst. „Vielleicht wirst auch du erst lächeln, wenn ich es dir sage, und doch scheint mir, sind wir damit am Ersten und Letzten angelangt. Nämlich: das Neugeborene schreit; ununterbrochen, aus vielleicht gar keinem Grunde, als weil es weiß, daß es schreien kann, schreit es die ganze Nacht. Das vernünftige Elternpaar möchte freilich schlafen, allein was hilfts? Es will sich nicht hindern lassen an seinem Guten, dem Schlaf, aber da es vernünftig ist, einerseits, und eine Liebe hat für das Neugeborene, andrerseits, und vielleicht weiß, daß auch das Schreiende nichts will als sich nicht hindern lassen am Schreien, was tut es? Es läßt sich doch hindern an seinem Guten und steht auf und beruhigt das Kind. — Und dies ist der Anfang.“
Zu alledem — nachdem ich es gehört und geschrieben habe — kann ich nur Eines sagen: so wenig mir irgend etwas wirklich bewiesen scheint von alldem, so sehr muß ich daran glauben. Es hat mich beruhigt auf die absonderlichste Weise. Es ist, als fände ich die Welt jetzt in Ordnung wie Bogner. Ich weiß nicht; es ist mir so, es ist so. Es ist kühl und natürlich, es ist gut. Ich weiß, was zu wissen ist; innerhalb ist alles Geheimnis geblieben, und auch die Grenze rundum blieb Geheimnis wie die Linie des Himmels auf der Erde. Doch die Linie beruhigt. Es macht sicher.
Wir waren allein, es war spät in der Nacht, die Stehlampe brannte auf dem Tisch. Er rückte daran, stand dann auf, stand nun mitten im Zimmer, etwas schief, die Hände auf dem Rücken, ging dann ans Fenster und stellte sich davor. Von dorther begann er von seiner Mutter zu erzählen.
Er berichtete erst einiges von seinem Vater, den er als einen Mann schilderte, schlecht und recht, ohne Eigenart, ohne besondere Gaben, ein wenig kleinlich, geneigt, zu ‚nörgeln‘ oder ‚mäkeln‘, aber mit Maßen und jedenfalls ohne Heftigkeit. Von seiner Mutter sprach er nicht; nicht von ihrem Wesen. Dann sagte er:
„Als meine Mutter fünf oder sechs Jahre verheiratet war, lernte sie einen andern Mann kennen und lieben. Sie sagte es mir selber, es war damals, als ich heimging, vor drei Jahren. Ja, da kam sie in der ersten Nacht, um es zu sagen. Seinen Namen hat sie mir nicht genannt, ich weiß nichts von ihm, als daß er Schriftsteller war oder Dichter, und das ergab für mich freilich ein seltsames Gefühl von Verwandtschaft. Es giebt wohl mehr Kinder, deren Vater nicht der Mann, sondern ein Wunsch ihrer Mutter war. Mein älterer Bruder und ich selbst waren damals schon am Leben. Meine Mutter hatte meinen Vater geheiratet, weil ihre Eltern ohne Vermögen waren, weil sie viel Geschwister hatte, und weil mein Vater durch mehrere Jahre nicht abließ, sie zu nötigen.
„Nun wollte sie sich scheiden lassen. Aber er gab die Kinder nicht her und wollte es überhaupt zu keiner Einigung über sie kommen lassen. Über ein Jahr lang gab es einen furchtbar häßlichen Kampf. Dann erlahmte meine Mutter und wurde, was sie während dieses Jahres nicht gewesen war, wieder die Frau meines Vaters.