„Die Sanftmut, das Heilende, die Sicherheit der Wiederkehr (‚Noch niemals blieb der Morgen aus, der lichtend — Das Tal ihr wieder wies, das duftig bläut‘) und die Hoffnung: all das und mehr wurde Gott.
„Und weiter, Georg: Wenn die Pferde einen Gott hatten, wie würde er aussehn? Wie ein Pferd. Wir Menschen gaben ihm menschliches Gesicht, und da in Urzeiten und bis spät hinauf nur der Mann etwas galt, so wurde der erste Gott männlicher Gestalt. Später kamen die Mutter, das Weib, die Jungfrau am Ende im Kleide vom himmlischen Blau.
„Aber ein Tiefers ist in diesem. Denn wer war das, Georg, der am Morgen in unsre Wälderangst trat? Wer war der Tröstliche, der im Lichtschein erschien, als wir Kind waren und vergingen in der Angst unsrer Träume? Der uns anblickte und uns zusprach und —“
Ich bat ihn, zu schweigen.
Er dachte wohl, es seien Trauer und Schmerz um einen Gestorbnen, der mich weich machte, und begann deshalb nach einer Weile an einer andern Stelle.
„Du fragtest nach dem Geheimnis, Georg. Im Anfang war das Geheimnis schwarz, war Angst, und der Schauder war böse. War die Erscheinung minder rätselvoll, minder voll Schauder? — Damals aber mischte sich Angstgrauen und Lichtgrauen, wie Nacht und Tag sich am Morgen vermengen. Geheimnis hob nicht Geheimnis auf, sondern jedes vertiefte das andre, und die ganze Lust der Süße wurde fühlbar erst durch das Grauen zuvor, und das furchtbare Grauen wurde versüßt durch die Aussicht auf Heilung. Schon das Kind, das sich fürchtet, im Dunkel einen Gang hinunterzugehn, lernte es, dieselbe Furcht süß zu finden in Geschichten. Wir waren ein unendliches Gemisch von Anfang her, aber wir lernten viele Teile davon erkennen und sie auszuspielen gegeneinander, immer auf der Suche nach: mehr Süße.
„Am Ende erlernten wir dann das Wunderbare: das Gesetz. Aller Geheimnisse süßestes, erkennbar schon am Antlitz Gottes, vor dem Schwarzes und Wüstenei sich auflösten, sich darstellten gesondert, nicht mehr erschreckend, sondern bekannt — aller Geheimnisse süßestes: die Ordnung.
„Die Ordnung aber ist das Bekannte. Das Geheimnis der Heilsamkeit ist das Wiedererkennen, ist die Sicherheit des Einen, das in jedem waltet und sich gerne verrät. Alle Dinge gingen hervor aus Gottes Hand; in allen Dingen wohnt seine Form. Wie ward da magisch unser Finger, unser Ohr, unser Mund! Morgens tropfte auf uns der Gesang der schwarzen Amsel, und wir horchten, und da war das Gesetz. Im Wasserfall schlief, und wir weckten es auf, das Gesetz. In unserm Gang das Gesetz, in unserm Antlitz Gesetz, im Tier das Gesetz; Gesetz, Bekanntes, Ordnung, Heilung, Süße, Form allüberall. Oh der süßeste Schauder, Georg, den Freund wiederzuhaben nach langen, schmerzlichen Jahren! Oh der süßeste Schauder, das Bekannte wiederzusehn im Wilden, Erschreckenden, Fremden!
„Und dieses wurde das Gute genannt, und alles andre das Böse.“
„Bogner,“ mußte ich plötzlich sagen, „noch eins! Du hast einmal ein schrecklichen Wort zu mir gesagt; eben fällt es mir ein, du sagtest: Die Menschen sind alle gut; es will sich nur niemand hindern lassen. Ich habe es wohl nie verstanden, aber jetzt sehe ich, daß ich immer daran geglaubt habe. Was heißt es denn aber? Sie wollen also das Gute — aber sie wollen sich nicht hindern lassen. Ja, was heißt das?“