Damals, als Bogner das Wort ‚Geburt‘ vor mich hinstieß wie die Faust mit dem Schlüssel, der den Zugang zu den Müttern eröffnen sollte, mich in meinen Festen schon als Ahnung erschütternd — damals genügte mir der Schlüssel, ich war froh, das Kleinod im Geheimnis zu haben, froh, es nur zu wissen, vom Gedanken an es mich immer wieder süß durchzucken zu lassen. Nun ist mit der Verflüchtigung der Zeit auch die Wißbegierde gekommen, der Zweifel mit seiner Stimme: ganz hinunter gelangst du ja doch nicht, so geh wenigstens tiefer. — Heute fragte ich Bogner:

„Du mußt mir nun sagen, wo der Anfang war. Ich sehe die Kindheit wie eine Wand, mit der alles ein Ende nimmt. Du sagtest das selber. Und was ist das mit dem Geheimnis? Du sagst: der Schauder vor dem Geheimnis sei unsre ganze Lust. Aber warum ist sie das?“

„Ja,“ sagte er, „auch ich glaube, daß mit der Kindheit alles ein Ende nimmt, und auch ich habe in diesen Tagen wieder und tiefer darüber gedacht. So laß uns doch einmal erinnern.

„Ich will dir sagen, was meine fernste Erinnerung ist. Zuerst ein schwarzes Unbegreifliches voll Kampf und entsetzliches Grausen. Ein Erwachen dann, ein sanfter, ferner Goldschein; ein Schatten im Golde, und in dem Schatten das nicht zu beschreibend Tröstliche, alles Stillende, Sichere, ein Gesicht, ein Paar Augen. — Solltest du das nie erlebt haben?“

Seine Worte hatten mich in eine seltsame Magie versetzt. Ich glaubte zu sehen, was ich nie gesehn hatte. Ich wollte mich schon wieder herauszerren aus diesem, weil ich glaubte, es sei Einbildung, ich sähe nur, was er zeigte. Allein plötzlich, bei der Vorstellung jenes Schattens und seiner Augen geschah das Seltsame, daß ich ihn sah — nicht aber mit zwei Augen, sondern mit nur einem. Das saß in der Mitte, unter der Stirn.

Der Maler schwieg, ich nahm alle Willenskraft um mich zusammen und dachte. Da geriet ich besondrer Weise in einen Schwarm von tausend wütend wirbelnden Vorstellungen, Bildfetzen ohne Beziehung zur Stunde. Bis dann plötzlich mit einem Ruck dieses riß, und ich sah — Ihn.

Ich war ein Knabe, er hob mich auf, er setzte mich auf sein Knie, und ich — fürchtete mich vor ihm. — Warum das? Ich soll ein wenig geschielt haben als kleines Kind, und ich fürchtete mich vor ihm: weil er nur ein Auge habe. Seine eng beisammen sitzenden Augen hielt ich für nur eines und fürchtete mich.

Es durchsauste mich, als ich es bedachte. Er, immer Er! Er war die Erscheinung, der eingeäugte Schatten, und damals hatte ich keine Furcht. Warum kam sie später?

Ich wollte es Bogner sagen, aber siehe da, ich konnte ja nicht! Wie soll ich seinen Namen sprechen? Kurz und gut, ich sagte ihm so viel, daß ich mich an Ähnliches zu erinnern glaubte.

„Und dies,“ sagte er nun, „dies war der Anfang. Wie hieß der Anfang, Georg? Angst. Nun wollen wir an unsre früheste Kindheit denken, an damals, als wir Menschen waren und noch ganz Kinder. Damals war Wald, und Verirrtsein im Wald, und die Dämonen, die hunderttausend Mächte der Angst, die böse Natur. Damals brach in den riesenhaft umgewälzten schwarzen Klumpen, der wir selber waren, ausgedehnt in die Urwaldsnacht und verschmolzen mit ihr, in ihn brach der Morgen hinein. Eine Sanftmut ging hervor, öffnete alles und machte es lind. Licht kam und war tröstlich. Uns segnete die Blaue. Und das war Gott.