Es wurde sehr spät gestern nacht über Erzählungen Bogners von Frankreich und Spanien. Später kam er auf einige besondre persönliche Erlebnisse, und dann fand ich mich dabei, wie ich ihm von Cordelia erzählte. Am Schlusse unterließ ich dann nicht eine besondre Darstellung meiner Verschuldung, zu der mir im Laufe der Zeit ein neues Ingredienz bekannt geworden war, nämlich daß ich sie nur aus Lüsternheit suchte, nicht aus Liebe; daß sie mich deshalb nicht für ihr so nahe halten konnte, um ihr Geheimnis zu beichten; daß also, wenn meine Sinnlichkeit schon in früheren Jahren ihre notwendige, regelmäßige Stillung gefunden hätte — und so weiter.
„Der Fluch der Lüsternheit über der Menschheit“, sagte er, „ist der Schatten eines Segens und darum unheilbar. Im Grunde davon wohnt einer der beiden tiefen, alles beherrschenden Triebe, deren einer zielt nach dem Lichte, deren andrer nach dem Dunkel. Niemand liebt wahrhaft das Licht, der nicht auch die Nacht liebte; niemand wahrhaft die Nacht, der nicht auch das Licht liebte. (Darum beginnt Novalis den Hymnus auf die Nacht: ‚Welcher Lebendige, Sinnbegabte liebt nicht vor allen Wundererscheinungen des verbreiteten Raums um ihn das allerfreuliche Licht ...‘) Im Licht ist das Wissen, im Dunkel das Geheimnis. Wir sehnen uns nach dem Wissen und sehnen uns nach dem Geheimnis. Wir sehnen uns nach dem Verhüllten, das für den Dumpfen das verhüllte Nackte ist. Er will nicht das Nackte, er will das geheime Nackte. Wäre es nicht geheim, so wäre es kaum noch.
„Der aber“, sagte Bogner, „ist der Heilige, der das Geheimnis weiß im Licht.“
Und der, setze ich nun hinzu, ist der Glückliche, der ewig ein Geheimnis pflegen kann — es besitzend, ohne es je zu durchschauen —, dem es selber zur Magie geworden ist: der Dichter.
Hielt ich mich selbst nicht für einen? Heute weiß ich nicht einmal, wie ich davon abgekommen bin. Es vollzog sich die Einsicht wohl mir selber unvermerkt im Wirbel des Übrigen, und nun erst, ganz plötzlich, fühle ich einen Schmerz.
Ich sehe Bogner, wie er war, wie ich noch immer glaube daß er ist, und sehe, daß es ein unmenschliches Glück sein muß, ein Glück über allen Glücken, Dichter zu sein. An jedem Tag die Quellen seines Lebens strömen zu lassen, sich selber hundertfach sichtbar zu sehn und zu haben im erschaffnen Gebilde! Sich im Stande der Gnade zu fühlen, einsam, einzig mit den Wenigen, oh Flügel an die Füße selbst in den erzschweren Stunden des Seins! Was könnte einem Solchen geschehn? Muß ihm nicht alles zum Besten dienen? Muß ihm nicht Honig fließen aus jedem Ding, das er selber erst zur Blüte wandelt, sei es giftig oder rein, gemein oder edel — aus jedem strömt ihm eine, die seine Kraft. Die gehäufte Welt ist sein Thron, seine Schatzkammer das Firmament, er allein besitzt die Erde, da er sie machen kann. Ungeheuer sein Stolz wie seine Demut. Mich faßt ein unendlicher Jammer an, wenn ich der Ärmsten unter den Armseligen gedenke, der Dichter, die es sind und dennoch nicht glücklich. Die eine Begierde haben können, außer der einen, tausend Jahre so leben zu wollen; die nach Ruhm begehren, nach Achtung und Liebe der Menschen, nach Brot. Die das Heilige erniedrigen können, indem sie es zu einem Mittel ihrer Notdurft machen. Denen es nicht Wonne ist, zu dulden dafür, daß sie so sind.
Da an Gott das einzig Wesentliche ist, daß er ein den irdischen Trieben und den menschlichen Zwecken nicht unterworfenes Wesen sei, so giebt es nur einen Menschen, der seiner entraten kann: den Dichter. Er allein muß ja erkennen, daß sein innerster und einziger Lebenstrieb ihn zu einem mit keinem irdischen Nutzzwange verbundenen Tun zwingt, unweigerlich, wider seinen eignen, kleinen Willen, unbeeinflußbar von ihm selber. Wenn er zeugt, so zeugt er wie der Gott: allein um des Zeugens willen. Alle können anders; er muß das Eine.
Ich aber bog den Arm an seinen Knieen,
Und aller wachen Sehnsucht Stimmen schrieen:
Ich lasse nicht — du segnetest mich denn!