Telemach, begreifst du? Sollte es sich jemals verstehen lassen? Verstehen, daß wirklich du es bist, der gemeint ist? Und solltest du jemals nicht jenseit sein können von alledem, sondern darin?

Nein, dies wird niemals möglich sein, weil es niemals hat möglich sein sollen. Die Schnecke wird erst nackend geboren und bildet sich hernach ihr Gehäuse, und ich bin nackend herumgelaufen Jahr um Jahr, aber das Gehäuse, das auf einmal gebildet war, es war nicht von mir geplant, und wer hätte auch von einer Schnecke gehört, für die ihr Gehäuse eine Last ist, die sie langsam zu Tode würgt?

Nur so viel sieht Telemach ein, daß es doch möglich ist, darin zu wohnen für eine Weile.

Da ist ein Tisch, und ich gehe um den Tisch. Was liegt an Tagen? Ich gehe linksherum und rechtsherum, tagein und tagaus, und fange an zu bemerken, daß sich eine Spur bildet in der Farbe der Dielen. Was Schlaf ist, habe ich auch einmal gewußt; nun ist es ein fliegender Rauch, durch den die allstündlichen Bilder wirbeln aus Wachsein in Wachsein hinüber. Es ist nicht genügend Einsamkeit vorhanden. Die Wintersee ist so laut geworden, daß die Andern und ich es aufgegeben haben, miteinander zu reden, — dann züngelt die rasende Ungeduld aus mir, wenn ich sitze und sie sitzen sehe, der letzte bange Rest Menschenliebe windet und verzehrt sich in meinem Herzen, und ich denke, daß ich bald nicht mehr kann.

In eine hohe Flamme zu steigen wie in ein Bad und drin prasselnd zu stehn, müßte das nicht wollustvoll sein? Ich brenne allzeit, und mir wird nicht einmal warm davon. Ich rüttle an den Steinen des ewigen Geduldspiels, aber wie ich die Steine einmal zusammengefügt habe, so stecken sie nun, und keiner weicht von der Stelle. Ich hoffe, rasend zu werden, und bemerke, daß ich mit der Zeit vielmehr in Ordnung gekommen sein muß, denn nicht immer, wenn ich schreibe, muß ich wie ehedem jede Laus von Wort, die durch mein Gehirn läuft, aufs Papier streichen, sondern ich lasse sie sitzen.

Oh Himmel meiner endlosen Tage wie so grau! Wiesen des Sommers und ihre Aurikeln, blaues Wogen des Jugendtags, wart ihr wirklich einmal? Ein Knabe klettert hoch am Sockel der Sonnenuhr, deckt Zeiger und Zifferblatt zu mit dem eigenen Schatten, sucht und wundert sich, nichts drauf zu finden, was ihm die Stunde anzeigt — — es ist keine Stunde, und dies war die Jugend. In der tiefen Scharte meines Fensters sehe ich ein Stück wankender Wasser, grau und voll gelblichen Schaums, ein Hundert Wellenköpfe in jagendem Durcheinander, immer dieselben, die auf mich zutaumeln und unter mir im Unsichtbaren verschwinden, und ich sehe und sehe.

Oh ein Zeichen, das Zeichen gieb, heilige Allmacht! Halte mich doch nicht mehr auf, laß mich doch los! All ihr unendlichen Mächte, was verschlägt es denn, ob einer getröstet wird? Wenn ich auch schuldig wurde an Menschen, so warens doch immer solche, die ich liebte, und ge—, oder hätte ich besser hassen sollen? Ja, war es dies, daß ich lau war, nicht böse, nicht gut, nicht kalt und nicht heiß, und soll ich darum, darum in alle Ewigkeit sitzen zwischen Leben und Sterben?

(Von Bogner)

Das fehlte noch! Heute sagte Bogner: er fände die Welt in Ordnung. Ja, wie soll man da widersprechen? Er hat es entschieden, und nun war es so. Mitten in der Nacht war er aufgewacht und hatte diese Entdeckung gemacht. Erstens: die Welt; zweitens: in Ordnung.

Danach bewies er es mir auch.