Ich meinte, da er wieder verstummte, das sei wohl der Fall, weil für ihn das Malen so sehr das Einzige, so sehr eine Raserei gewesen sei wie für Rembrandt.
Das nicht, erwiderte er. Dazu seien sie doch von zu verschiedenen Größenmaßen gewesen. „Raserei, sagst du. Ja, aber bei van Gogh doch nur die eines Menschen, während die Rembrandts an den Niagara denken läßt oder auch an eine dieser gewaltigen Maschinen, die still zu stehn scheint mit allen Rädern und Riemen, obwohl sie in ungeheurem Schwunge ist, und die dabei so sorgsam, zart und genau arbeitet wie eine Spitzenklöpplerin. Van Gogh flackerte ja. Nein, ich meinte den Gegensatz, nicht ein Gemeinsames.
„Ihrer beider Wollust war — bis zum Äußersten, wie bis zu einem gewissen Grade in jedem Maler — das Licht. Da war nun van Gogh leider von einem blinden Teufel besessen, der ihn zwang, geradeswegs mitten hineinzusehn in das Licht — und das malen zu wollen. Und — siehst du — da flackerte alles und zerstob zu Myriaden bunter Funken. Ich weiß nicht, wie sein leiblicher Wahnsinn an ihm sich geäußert hat, aber ich könnte mir denken — weil er so besessen war von der flammenden Erscheinung der Sonne —, daß er im Irrsinn nichts andres gewollt hat, als geradezu die Sonne malen — wie er es zuvor versuchte mit Hülfe der Landschaft —, nämlich ihre flammend brodelnde Goldscheibe selbst und sonst nichts. Und so, verstehst du? hat er die Wahrheit doch nie gesehn.
Die Sonne, Georg, was liegt denn an der Sonne? Wenn ich blind bin, ist deshalb kein Licht? Die Sonne, hat sie nicht dunkle Strahlen der Wärme? Und der blinde Leib, hat er nicht seelische Strahlen eines Lichts? Was van Gogh sah, war die Erscheinung, das Sein, das seiende Licht, das von außen in ihn eindrang. Was liegt an ihm? Was ist selbst Dasein? Dasein ist nichts, Zeugung ist alles. Und — es zeugt, das Licht, das ist die Wahrheit! Es hat gezeugt — diese Erde, diese Wälder und Äcker und das Meer, jeden Baum, die Tiere und den Menschen und seine Seele. Es zeugte aus uns den Flammengeist, und es zeugte die Weiße der Narzisse; es zeugte die Wärme des Blutes und die Glut des Herzens. Die Wärme, Georg, die Wärme! Die aber hat er gefühlt, Rembrandt, und die hat er gemalt, Rembrandt! Er sah — die Nacht. Und in der Nacht sah er sich zeugen: das Licht, das ewige Juwel, die Wonne des erleuchteten Daseins mitten im Finstern, und Entzücken strahlte ihn an aus der Nacht, und so malte er das Licht in seiner unendlichen Fruchtbarkeit. Er malte es als Maler an malerischen Dingen. Er ließ es saugen am riesigen Leibe der Nacht, und überall taten sich Adern auf, und es schmolz hervor: Juwelen und Perlen, die Brokate und die Spitzen, Fahnen und Harnische und Fackeln, Stickereien und Sammet, das Lachen der Saskia und der Körper Hendrikjes, und hundert Male immer wieder — nur noch Leuchter fürs Licht — das eigene Antlitz, und hinter dem Antlitz die eigene, brennende, brodelnde, wollüstige, trinkende, schaffende, zeugende Sonne der Seele. Das ganze Dasein war ihm eine unendliche Nacht voller tausend Geschichten, die sich fortzeugten auseinander, und die ganze Nacht nur ein riesenhafter, schwarzer Spiegel, in dem meilenfern, ein verlorener Funken Goldes, widerglänzte die eigene Seele, ein Tropfen an Gottes Wimper.“
Dies, dachte ich, als ich durch die brausende Nacht zu mir hinüberging, blindlings im völlig Schwarzen, dies ist nun Bogner? Dieser einst gelinderte, wortkarge, sparsame Mensch? Freilich: damals malte er, die Seele glühte sich schweigend aus; nun muß sie reden und verbrennt dabei. Und ich erschrak, da ich bemerkte, daß ich nicht der einzige Unselige bin auf einer so kleinen Insel.
Fünftes Kapitel: Dezember
Aus Georgs Papieren
Von Zeit zu Zeit ereignet es sich wohl einmal — zumeist wenn ich sitze und schreibe —, daß hinter meinem Rücken in der Nachtferne etwas mir vorhanden scheint, das ich mehr empfinde denn sehe als: Land. So eine dunkel verdämmernde Fläche nämlich ohne Umrisse, von unsichtbarem Leben überwebt — das Land, das meinen Namen trägt (obwohl wiederum selber ich ihn nicht trage, aber wer weiß das?). Dazu ein Staat, der in hunderttausend Gehirne geprägt ist als das Bild eines Berges, auf dessen Spitze ich stehe.
Und ich denke weiter: Hunderttausend Menschen — was liegt an der Zahl? — sind dort, die an jedem Tage zumindest einmal ein Wort sagen oder von bedrucktem Papier lesen, einen Titel, unter dem sie mich zu fassen glauben. Mitunter, wenn sich ihrer Mehrere zusammentreffen, machen sie ein Bündel aus ihren Köpfen und — nun, aus den mehr oder minder abenteuerlichen oder mitleidigen oder argwöhnischen Vorstellungen, die sie sich machen mögen, ein paar willkürliche herauszugreifen und aufzuschreiben, das hat wenig Sinn. Es kommt auf die Tatsache an, die ja nun fast von einer metaphysischen Bedeutsamkeit ist, denn was ist in Wirklichkeit an mir und ebenso an jenen Erdbewohnern, das diese Art von immerhin besondrem Schauer in ihr Empfinden von meinem Dasein mischt, denn sie mögen mich nun achten oder verachten, mich für mehr oder nur soviel wie ihresgleichen halten, gut von mir denken oder böse: dieser bestimmte Schauer ist immer da, war da von dem Augenblick an, wo ich jenen Titel bekam wie ein Kleid, also daß ich seitdem tun oder denken, sein und treiben kann, was ich will: den Schauer verliere ich so wenig, wie ein Mensch seinen Schatten verlieren kann. Es ist beinah wie mit Gott. Die Welt mag sein, wie sie will, den Menschen darin mag es ergehen, wie es wolle: Gott bleibt ihnen immer Gott, und ob der eine nun sein Wirken darin sieht, daß sein kranker Bruder gesund wird, der andre darin, daß ein Erdbeben kommt, der dritte darin, daß er anstatt den Hals nur das Bein brach, und der vierte darin, daß sein Nachbar an derselben Krankheit starb, die er überstand: Gott bleibt immer derselbe Gott, sie glauben an ihn, und er kann sich auf keine Weise verändern.
Und weiter, was jenes Land angeht, so bin ich es, der darin diesen und jenen, mir ganz unbekannten Menschen veranlaßt, eines Tages mit seiner Familie und aller beweglichen Habe von Süden nach Norden zu reisen, und einen ähnlichen von Osten nach Westen; ja, es geschieht Tag für Tag, daß nach meinen Angaben Leute von einer Stelle weggenommen und an eine andre gesetzt werden, wo wieder Andre erst fortgenommen wurden, die zu einer dritten geschickt werden, und so fort. Sterne und Kreuze aus Metall werden in meinem Namen verteilt und als besondre Geschenke von mir angesehn, Urteile ganz fremder Leute über Andre werden gültig durch meine Unterschrift, und in Kirchen wird für mich gebetet.