Es geschieht auch wohl einmal, daß die gewohnten Zusammenhänge mit unsrer Umgebung und uns selber unvermerkt sich in nichts auflösen; wir sehen mit einem Schlage auf uns selber herunter wie von einem Stern, sehen uns und unser Erdendasein in einem fremden Licht, im Licht der Lebensart auf jenem Stern, und da kommt es uns so fremd und ohne Sinn vor, daß wir uns fragen: Dies sind die Dinge, die dorten vor sich gehn? Dazu wird dorten gelebt? Warum sind sie so? Welche Gründe haben sie zu all diesem? Was frommt ihnen dies? Was haben sie davon?
Antworten aber giebt es keine. Aber so erkannte ich auf einmal sie und mich ganz von oben in jener Stunde, wo ich mich neben ihr in dem bäuerlichen Schrankbett fand, ausgestreckt auf dem Rücken, die Hände unter dem Kopf. Ich hörte dumpf das Brausen der See. Ein Licht in einem Holzleuchter, bestehend aus einer größeren rot- und drei kleineren grünlackierten Kugeln als Füßen, bewegte leise die goldene Flamme mit gasblauem Kern im Luftzug der nahen Fensterfuge; dahinter hingen die stillen, weißen Gardinen hellbeleuchtet; es stand auf einem einfachen Tisch, hellblau gestrichen wie die übrigen Möbel, Stühle, Waschtisch, Kommode, Schrank — mit bunter Blumenmalerei — und hinter allen, die Wände empor, waren die stillen Schatten. Zwischen mir und der Wand im Bett aber saß, die Arme um ihre Knie geschlungen, das Kinn fast darauf, Cornelia, und ihre Augen, groß, rund und dunkel, waren ohne Bewegung auf das Licht gerichtet, von dem sie erglänzten. Sie sah aus, als wüßte sie genug. Weich und gerötet war die Haut ihres Gesichts. Sie sprach kein Wort wie auch ich. Und sie und ich, so enge beisammen, sie saß und ich lag, und wir dachten Beide weit weg unsrer Toten.
(Von Bogner)
„Rembrandt,“ sagte Bogner, „er mußte nur immer malen.“
(Ich hatte Bogner mit einem großen und roten Buch voller Wiedergaben Rembrandtscher Gemälde angetroffen, und wir sprachen darüber.)
„Er mußte nur immer malen, und um ja nicht nachdenken zu müssen über einen Gegenstand — denn was ihn anging, war immer nur das Eine: das Leuchtende, wie es aufblüht aus der Nacht! — so malte er unaufhörlich sich selber. Sieh doch nur,“ sagte er blätternd, „diese ungeheure Anzahl von Selbstbildnissen! Und nun sieh nur einmal, wie er es anstellt, Abwechselung zu gestalten! Hier, hier hast du drei, sieben, vierzehn Bilder aus benachbarten Jahren, aus demselben Jahr! Immer derselbe Mensch, und immer ein Andrer. Das ist die Kunst des Entfremdens. Ja, glaubst du, er hatte sich so verändert in so kurzer Zeit? Sieh doch an, was macht er hier? Er runzelt die Stirn, und schon wards ein andres Gesicht. Er setzt einen Hut auf, eine Mütze, einen Helm, eine Sturmhaube, und die geringe Veränderung, die der Kopfschmuck bewirkte, breitete er aus über das ganze Antlitz, und es gab neue Schatten, neue Lichtflächen, und schließlich bildete er sich alles nur ein und konnte Runzeln oder Falten oder Furchen, Glätten oder Rauhen oder Rundungen sehen, wo gar keine waren, gar keine. Sieh doch das hier! das —“ er lächelte, „ja, da haben sie darunter geschrieben ‚Bildnis eines jungen Mannes‘. Meinst du vielleicht, das wäre er nicht? Und hier —“ er zeigte auf ein Bild, unter dem ein Name stand, den ich nicht im Gedächtnis behielt — „das ist er natürlich selber! Seine ganze Phantasie — glaube mirs, Georg — bestand im Verändern. Sieh doch hier diese Landschaft mit den geisterhaften Bäumen! Das ist nicht wirklich und ist nicht empfunden, nur sein Dämon griff hinein, riß und bogs auseinander und stellte sich mitten hinein.“
Er schwieg, schlug langsam die Seiten um, und ich sah, daß er zu den Altersbildern gelangt war. Gleich darauf begann er wieder, furchtbar ernst:
„Und nun sieh hier das. Siehst du, da kam es! Jahrzehntelang hatte er Mummenschanz getrieben mit seinem Gesicht, und nun — nun sitzt plötzlich einer innen und verändert willkürlich, von innen! — Da! siehst du das? Wer ist das? Ihre Majestät die Ruine. Nun kann er sich jeden Monat malen und jede Woche, jeden Tag, ja, jede Stunde — es ist immer Verfall. Er zerfällt, er zerblättert fürchterlich, es bläht ihn auf, es sackt wieder zusammen, es glotzt aus ihm, es grinst, es schluchzt, es sickert, es bröckelt, es — zerfällt, zerfällt, und er — er malt es, malt es, er ist ganz blöd, er denkt bloß, daß ihm auch das Verändern jetzt abgenommen ist, und daß diese Art des Veränderns noch genialischer ist als die eigene Methode, und er malt, halb blind, besinnungslos, ein Schwamm, ein morscher Stumpf, der phosphoresziert! Sieh die Gesichter, diese Larven einer Armenhäuslergalerie, diesen Katalog aller Krankheiten, ohne Geist und ohne Seele, ohne Zukunft, ohne Gott, nur noch Schicksal, wütendes Schicksal des Malenmüssens, das in seiner leiblichen Hülle sitzt. Und malt er denn noch, er? Seine Hände malen, in seinen Händen sitzt das Malen und rast mit den Pinseln, ohne Farbe, ohne Leinwand, ein Stück Brett und nasser Lehm, mehr ist nicht nötig für den glorreichen Triumph seiner Hände, drin die Natter Gicht sich verbiß. Und so bis zum letzten die ewige Glorie: Licht! Licht! Licht! das die vergrämte Ruine mit Seelenblut überlodert, die goldene Quelle, das ewige Rieseln aus der Nacht — Gott im Himmel, Georg, wenn aus Baumstämmen vom Druck der Jahrtausende Kohle wird, und aus Kohle Diamant: so müssen seine Augen, als er endlich tot lag, zwei Demanten geworden sein, zu lauter kristallenem Licht gepreßt in der ewigen Faust.“
Er schwieg. Ich dachte: er spricht von sich. Scheinbar aber hatte er doch an sich selbst nicht gedacht; er machte jetzt das Buch, das er im Schoß hatte, zu, legte es vor sich auf den Tisch, trocknete die übergelaufenen Augen und sagte nun mit sanfterer Stimme:
„Immer muß ich bald auch an van Gogh denken, wenn ich mich auf Rembrandt besinne.“