Georg an Magda
auf Hallig Hooge, am 29. Dezember.
Meine liebe Magda!
Eine schmerzliche Nachricht: Bogner bittet mich, Dir mitzuteilen, daß Ulrika Tregiorni vorgestern morgen vor Tagesanbruch verschieden ist, nachdem sie vergeblich versuchte, einer Tochter das Leben zu geben.
Ein unglücklicher Fall am Abend zuvor beschleunigte die Geburt, die sie nach der Meinung des Arztes allerdings auch unter günstigeren Umständen nicht überstanden haben würde.
Bogner ist jetzt ruhig. Sollten wir jemals über diese Dinge miteinander sprechen, so würdest Du erfahren, daß meine alte Ehrfurcht vor ihm nun fast das Maß des Menschlichen überschritt.
Wir werden Ulrika am Abend hier begraben. Bogner fuhr heute früh mit meinem Adjutanten, Hauptmann d. J. Rieferling zur Stadt und kehrte gegen Mittag mit einem ungestrichenen weißen Sarge und einem kleinen weißen Marmorblock zurück, auf dem nichts eingegraben ist als ihr Name und — darunter — das Bild eines in seinen Fittichen aufrecht stehenden Schwanes. Wir Alle, die wir hier sind, haben ihr das Grab oben auf der Nordseite des Deiches geschaufelt, wo sie liegen wird mit den Füßen in der Richtung der See. —
Ich habe zu diesem einige Worte über mich beizufügen.
Aus einem Grunde, den Du verstehen wirst, wenn Du gelesen hast, war ich nicht fähig, die Tote zu sehn. Überdies hielt noch etwas mich ab, ihr Zimmer zu betreten. Bogner saß neben ihr und zeichnete sie. Da er keinerlei Mal- oder Zeichenwerkzeuge dahier hat, so riß er vom Deckel eines bräunlichen Pappkartons die Randstücke ab und fand ein kleines Stück Rötel. Durch die offene Tür zum Sterbezimmer sah ich ihn dann schräg auf Ulrikas Bett sitzen, auf den Knien den Pappdeckel, nach ihrem, mir unsichtbaren Gesicht blickend, und so sah ich ihn jedesmal, wenn ich das Haus betrat, vorgestern, gestern und noch in der letzten Nacht, doch hatte ich nie den Eindruck, als ob seine Hände beschäftigt seien.
(Sage, kommt Dir vielleicht auch, indem Du dies liesest, ein japanischer Wandschirm in Erinnerung? Der erschien jedenfalls mir und stellte alsbald die Verbindung mit jener Frau wieder her, Judith Österreicher jener, von der uns Bogner erzählte — vor Jahren —, die er zum Leben erweckte, im Bilde, während sie daraus fortglitt. Was schien Bogner uns damals? Was scheint er mir wieder heut? Aber —