Du wirst wissen, daß ich hier aus Staatsraison einen Begleiter habe, einen Infanteriehauptmann namens Rieferling, Johannes. Nachdem ich mehrere Wochen in wenn auch nicht eben nahem Umgang mit ihm gestanden hatte, ohne mich um sein Inneres zu bekümmern, machte ich mir Gewissensbisse und begann, ihn Einiges nach seinem Leben zu fragen, infolge seines ernsten Wesens in der fast sicheren Vermutung, auf etwas zu stoßen, das ihm die Einsamkeit hier aus ähnlichen Gründen wie mir nicht beklagenswert erscheinen läßt. Aber nichts dergleichen. Er hatte kaum etwas zu berichten. Seine Eltern haben ein kleines Gut in den Ostseeprovinzen, haben viele Kinder, in deren Reihe er irgendwo in der Mitte steht, alles ist gesund, er hat stets nur zum Soldatenstand Lust gehabt, mußte freilich ein bescheidenes Leben führen, hat aber außer seinem Beruf nie Bedürfnisse gehabt, verließ die Kriegsakademie mit den höchsten Auszeichnungen, hat nach wie vor keine Wünsche, als einmal nach Italien zu reisen, und bedauert nur, daß der nächste Krieg eher da sein wird als für ihn das Bataillon, aber ich hoffe, für diesen absurden Fall, wenn er eintreten sollte, noch Vorsorge treffen zu können. Hier arbeitet er den ganzen Tag, kümmert sich den Teufel um die See und liest jeden Abend ein Kapitel im Neuen Testament.

Möchte man auch so sein, Benno? Wie geht so ein Leben weiter? Entweder in den vorgeschriebenen Bahnen, und er endet einmal als Generalinspekteur eines Armeekorps, die Brust voller Orden, oder der nächste Krieg kommt wirklich, und ist er noch nicht im Generalstab gelandet, so führt er seine Kompagnie zu einem glänzenden Sturmangriff, erhält das Eiserne Kreuz, und ein paar Tage oder ein paar Wochen später legt ihn eine sanfte Kugel von Gottweißwo her schmerzlos und ruhig auf den Rasen. Der Leutnant sagt: Die Kompagnie hört auf mein Kommando! und an der Stelle, die er ausfüllte, steht ein Andrer, der sie gerad so ausfüllt.

Indem ich noch dies bedachte, erinnerte ich mich Deiner und merkte dabei, daß meine Gewissensbisse in Wahrheit mit der Erscheinung des Hauptmanns nur eine Verbindung zweiten Grades gehabt hatten, und eigentlich meinte ich Dich.

Solange wir zusammen unseres Weges gingen, warst Du der Sorgenvollere, aber wie war damals zwischen uns alles einfach! Wir waren Freunde, und was das Herz beschweren mochte, sagte sich leicht. Nicht verfiel der Eine in Schweigen, so daß der Andre erst viel sich bekümmern mußte und endlich fragen. Wie es mit Dir jetzt steht, ahne ich nicht, aber ich glaube, daß nicht nur meine Bürde mit der Zeit zugenommen hat, und nun sind wir jeder allein. Freilich, die meine ist von der Art, die schweigsam und einsam macht. Aber die Deine, Benno, wie ists mit der Deinen?

Lieber Freund, dies ist eine Frage, die leider nicht mehr auf Antwort warten kann, wie Du sehn wirst, wenn Du sie vor Augen hast, so eine besondre Art von rhetorischer Frage, siehst Du. Nun ists zu spät; zu spät auch, festzustellen, was mich eben bewegt, nämlich, ob wir schon damals, vor die Entscheidung gestellt, unsre Neigung für ein ungemeines Leben durch den Entschluß bekräftigt hätten, den Weg, den es uns führen würde, bis zum bittersten Ende zu gehn. Ich kann nur hoffen, daß ich mich entschlossen hätte. Es ist, wie gesagt, zu spät, und für mich ists schon viel, daß ich aus dem Brande, in dem ich nun seit ungezählten Tagen herumjage, auf der Suche nach einem Ausgang außer dem, der mir sichtbar ist, daß ich noch einmal mit der Hand herauswinken kann. In der Ahnung, es müsse auch ein Wimpel noch irgendwo liegen, mit dem zu winken wäre, fand ich ein Gedicht unter meinen alten, das ich einmal im Gedanken an Dich schrieb und Dir damals nicht in alltäglicher Stunde geben wollte. Die heutige dürfte ungemein genug dazu sein.

Abschied nehmen bei einem Fortgang wie dem mir nahe bevorstehenden, scheint mir wenig passend; ein Wort aber dürfte schicklich sein, und ich bin in Höflichkeit geboren und erzogen, so daß es mir kaum weniger passend erschiene, wortlos zu gehn.

Darum wünsche ich Dir eins: Wenn Du einmal in Not sein solltest, in einer äußersten Not, ein gefangenes Tier, das in Herzensqual nichts mehr weiß als zu laufen, zu rennen, auf und ab, oder im Kreis, winselnden Herzens mit rasenden Füßen um den verglimmenden Rest Deiner Welt, Tage und Nächte: dann wünsche ich Dir die eine Stunde Schlaf, nach der ich durste, und die, wie es scheint, nicht für mich bestimmt ist. Dann trinke Dich satt an ihr und gedenke Deines Freundes

Georg

Das Schweigen

Gingst du je beladen, ein Mensch, und suchtest