Georg schlug die Augen auf. Eine tiefe, aber erleuchtete Dämmerung füllte den Raum mit Wärme und Sanftmut. Auf der Platte des Schreibbüros brannte die Lampe, so daß in ihrem Licht die kleinen Schubladen mit ihren Messingknöpfen, die geschnitzten Säulen und die Treppe aus farbigen Hölzern in der Mittelnische hell und freundlich sich zeigten; aber unter die weiße, mild leuchtende Kuppel war ein Stück Papier in den Ring geklemmt, das, ein rechteckiger Schatten vor dem Licht, herunterhing und den Raum mit Dunkelheit füllte. Dies war so erstaunlich schön anzusehn und von solchem Frieden, daß Georg lange Zeit die Augen nicht davon abwenden konnte.

Er erschrak dann leise, als er entdeckte, daß er nicht allein war: im Schatten, rechts neben der Platte des Büros war ein sitzender Mensch; er schien die Beine übereinander gelegt zu haben und hielt den Kopf in die Hand gestützt.

Und sieh! — das Grauen, ohne doch schrecklich zu sein, vertiefte sich in Georg — der ganze Raum war ja voller Menschen! Ganz still waren sie da, ohne Laut noch Bewegung. Wer waren die?

Grade ihm gegenüber hinter dem dunklen, runden Tisch saß eine weibliche Gestalt; ihre bloßen Unterarme lagen flach auf der Tischdecke mit gefalteten Händen; den Kopf hielt sie so tief gesenkt, als ob sie schlafe oder bete, und Georg gewahrte deutlich die stille und lichte Furche ihres Scheitels in den leise glänzenden Wellen des Haars. Sie schien ihm nicht unbekannt.

Hinter ihr, weiter zurück an der Wand, ganz im Schatten stand ein Mann, den Kopf geneigt, die Stirn in der linken Hand, als ob er sehr tief nachdenke.

Als aber Georg die Augen weiter nach rechts hin bewegte, leuchtete es ihm von der Türe her strahlend blau entgegen, und äußerst betroffen von Verwunderung erkannte er in diesem Blauen die seidene Jacke eines Chinesen, der dort stand wie in einer tiefen Verneigung; ja, es war Georg, als habe er diese Bewegung schnell noch ausgeführt, bevor seine Augen dorthin gelangt waren. Ein großer, grün und golden feuriger Drache glänzte aus dem Himmelblau der Brust.

Dies alles begriff Georg so wenig wie seinen eigenen Zustand, der ihm zauberhaft deuchte. Sein Körper war ihm so leicht, daß er ihn kaum fühlte, die Seele so frisch und kühl, daß er kaum Atem zu holen wagte, aus Furcht, diese Frische und Kühle könne abfallen wie lockerer Schnee. Hoch über ihm sang die zarte Stimme des Schweigens, lieblich und wie ein ferner Choral. Über alles Begreifen feierlich schien dies. Augenscheinlich ein Traum.

Warum saßen und standen diese hier? Hatten sie auf sein Erwachen gewartet? Oder — plötzlich graut’ es ihn dennoch — war er vielleicht doch tot, und hier war nur seine Seele, die ohne es zu wissen gewandert und in dies Zimmer zu Fremden gelangt war, die gar nicht ahnten, daß er zugegen war? Die vielleicht um einen andern Toten trauerten? Oder um ihn? — Allein — dies war sein Zimmer; im Turm, — Hallig Hooge fiel ihm ein und alles andre.

Und jetzt auf einmal bemerkte er mitten auf der dunklen Decke des Tisches einen schwärzlichen Gegenstand, in dem er sogleich seine Pistole erkannte. Und gleich auch, mit einer traumhaften Klarheit, wußte er, um was es hier ging.

Er hier, er hatte über sich selbst ein Urteil gefällt, eigener Kläger und Richter. Da es sich aber um eine Versündigung gegen Menschen handelte, gegen Andre, so konnten auch nur Menschen, nur Andre über ihn urteilen und richten. Und zu diesem Zweck waren diese stillen Fremden nun da.