„Vergieb mir! Ich bin sehr arm. Meine Augen wollen nicht mehr. Ich will fort ...“
Gras um ihn her wehte im Dunkel. Es überlief ihn glühend.
„Und ich danke auch“, sagte er. „Dank für alles! Du bist gut und schön. Deine Abende und dein Frühling, die Amsel und alldas.“
„Viel gelitten,“ sagte er plötzlich, „viel gelitten ...“
Er stand hastig auf und wollte fortgehn. Da spaltete es ihn wie ein Schwert, ein grenzenloser Jammer, und er schrie in seiner Verlassenheit ganz laut: „Mein Vater ist tot! oh Gott, mein Vater ist tot!“
Schwer und gelassen bejahend klatschte eine Welle am Deichfuße hin; Georg ging mit leisen Schritten zum Turm zurück, schloß die Tür, ging zum Schreibbüro und mit der Waffe in der Hand zum Stuhl, wo er sich in die linke Ecke lehnte.
Die Augen schließend, gewahrte er plötzlich einen Lichtschein hinter den Lidern, hob sie wiederum und sah erstaunt, daß die Lampe brannte. — Was ist denn das? dachte er, wer hat denn die Lampe angesteckt? Einen Augenblick durchrann ihn sonderbar das Gefühl, die Lampe habe sich selbst entzündet, um ihn zu verhindern. — Mag sie brennen! dachte er dann, aber nun quälte es ihn, daß dies Licht im Zimmer sein sollte, wenn er nicht mehr darin war, und auch, daß er nicht wußte, wann er sie angezündet hatte. So erhob er sich wieder, ging hin zu ihr und bemerkte, daß auf der Schreibunterlage ein Papier lag, auf dem das Wort: Mutlos stand, quer durchstrichen, worauf ihm denn einfiel, daß er das vorhin geschrieben hatte und dazu wohl die Lampe entzündet haben mußte. Es sollte ein Gedicht werden, ja, das letzte, er erinnerte sich einmal gelesen zu haben, daß man sein ganzes Leben nur ein einziges Gedicht machen sollte, vorm Tode, das würde dann außerordentlich werden. Es war aber nichts geworden, und ich, fiel ihm ein, ich habe ja auch schon früher eine Menge Gedichte gemacht. — Er knüllte das Blatt zusammen, aber, da er bedenken mußte, daß es später gefunden werden könne, zog er es wieder auseinander, hielt eine Ecke über den Zylinder der Lampe und wartete, bis es Feuer fing. Eine blaue Flamme leckte daran hoch, plötzlich lohte es zu einem mächtigen, roten Scheinen auf, in dem er geblendet das ganze Achteck des Raums taghell bis zu den Gesichtern der Planetengötter unter der Decke erkannte. Dann warf ers an die Erde, mit der sinkenden Flamme sackten schwere Schatten rundum, der einer Stuhllehne reckte sich noch einmal hochauf an der Wand, langsam verflackerte die Lohe, ward es dunkler; endlich Nacht und am Boden ein paar rote Funken.
Nun noch die Lampe. Er löschte sie hastig, lief fast auf seinen Stuhl zu, setzte sich wie zuvor, drückte die linke Schläfe an, und die Müdigkeit überströmte ihn, daß es ihn schauderte vor Wollust des nahen Schlafs. Prickeln bedeckte seinen ganzen Leib, er sank schlaff zusammen, bewegte die rechte Hand, um die Waffe zu fühlen, und lächelte. Von fern zog Musik in ihn ein, es brauste melodisch. Er hob langsam die Hand, er gähnte ein wenig, drückte sich fester an, — nun kam die letzte, große Woge, das Dunkel ...
Seine Hand glitt neben den Schenkel zurück. Cornelia erschien plötzlich im Zimmer, dann andre Gestalten; sie beschäftigten sich im Halbdunkel, er wollte zu ihnen, vermochte es nicht, und unter einem rieselnden Klingen wurden sie ferner und ferner ...
Georg schlief.