Ein Schatten kam um den Tisch, die Seele Cornelias blickte traurig zu ihm hin. Sie dauerte ihn. Hoffentlich, dachte er, findet sie sich mit dem Andern besser zurecht. Bei mir hatte sie, glaub ich, zu wenig zu tun.
Ach, ich werde schlafen! fiel ihm da ein, und das Dunkel verklärte sich. Ach, oh, ich werde schlafen!
Er rückte mit dem Oberleib vor im Stuhl und stand auf, ging zum Sekretär, zog die bestimmte Lade hintastend auf, nahm den Kasten heraus, öffnete die Verschlüsse, und weil ihm die Finger bebten, mußte er an einen Morphinisten denken, der seine Spritze auspackt. In dem heller grauen Rechteck von Samt lag das dunkle Instrument, erkennbar und wohlbekannt, anders als alle Gebrauchsdinge, eigentlich aber ohne Zusammenhang mit seinem Sinn. Wenn man es in gewisser Weise handhabte, war die Folge der Tod, und doch stellt man sich Töten gemeinhin anders vor.
Er bemühte sich nun eine ganze Weile krampfhaft, etwas zu denken, aber nichts kam zum Vorschein. Keine Menschen, keine Erinnerung, auch keine Schuld, so fest er sich an das Wort klammerte. Nur ein Gähnen überfiel ihn bald, das kein Ende nehmen wollte. Als es schließlich vorüber war, bemerkte er, daß er die Uhr gezogen hatte. Ja, ich will doch sehn, wie spät es ist, fiel ihm ein; er klappte den Deckel auf und starrte auf die kleine, bleiche Kreisfläche, bis die Zeiger hervor kamen. Sie standen auf ein Viertel nach Sieben. Er hielt die Uhr ans Ohr, allein sie tickte vernehmlich, und nun zerbrach er sich lange den Kopf, um herauszubekommen, ob Morgen oder Abend sei, aber umsonst. Er trat ans nächste Fenster und blickte hinaus. Draußen war ein grauer Schein. Von den Sternen, deren abendliche Stellungen ihm bekannt waren, fand er nicht einen.
Übrigens — dachte er — eine sonderbare Stunde, aus dem Leben zu gehn: ein Viertel nach Sieben. Ich glaube, gemeinhin tun es die Leute zwischen drei und fünf Uhr morgens.
Aber immer war da noch ein Hindernis, unerkennbar, aber es war. Da er seinen Kopf heiß und dumpf empfand, beschloß er, vor die Tür zu treten und noch einmal nach dem Meer auszusehn.
Draußen stehend mit einer übergangslosen Schnelligkeit — er dachte, das ist wie im Traum! — staunte er, wie milde die Luft war. Feuchter Dunst berührte seine Stirn. Ach, dachte er, heute ist wohl dieser Tag im Januar, wo der Frühling sich im Schlaf umdrehn soll und seufzen. — Dann ging er in schräger Linie über den Deich bis an den Rand.
Das Wasser in hoher Flut stand bis an den Fuß der Mauersteile unten, stand, dunkel, ohne jede Bewegung. Unsichtbar regte sich dann ein Laut, etwas klatschte leise an. Jetzt ein andrer Ton, näher ... Etwas glänzte zu Georgs Füßen, so sehr einem Aufblick ähnlich, daß es ihn rührte. Nun war alles wieder still.
Wie geräuschlos sie kommen kann! dachte er, die Riesige, leiser als ein Mensch! Erstes Staunen der Kindheit, — da liegt sie nun, unsichtbar. Er starrte in die Finsternis vor ihm, die er meilenweit ohne Grenzen wußte, und die schweigsamen Gewässer hauchten ihn mit dem Odem ihres übergroßen Wesens an. Ein wenig höher, wo der Nachthimmel war, bewegte sich etwas quellendes Licht, gelblich, weißlich, und seltsam erschien der Umriß eines Berges.
Plötzlich rührte das Geheimnis der Erde an seine Brust; er mußte den Kopf senken vor dieser Stille und Feierlichkeit, Scham erfüllte ihn, auf einmal bog sich sein Knie, er legte die Hände zusammen, kniete und sagte, die Worte im Munde zerdrückend, zur Erde: