„Keinen Brief!“ sagte er ärgerlich, „ich hab mich versprochen. Ja, nun ist alles wieder da, Mißverständnisse und Versprechungen und alles! Wie war denn das damals, Jason, als wir dich aus dem Teich holten? Da warst du höchst ungehalten, dich wiederfinden zu müssen. Kannst du beschwören, Jason, daß dir nicht wohler gewesen wäre, wenn —“

Jason lächelte vor sich hin. — Georg fuhr fort:

„Das ist ja alles gar nicht wahr! Um alldas handelt es sich gar nicht! Alldas war es nicht, sondern es war nur das — das rasende Verlangen, einmal heraus zu sein! Draußen! draußen! versteht denn das auf einmal keiner? Versteht denn keiner, wie bis zum Irrsinn das brennen kann, nicht los von etwas zu kommen, und daß alles zugepicht ist, alles verklebt und vernietet ist mit diesem Leben? Und Tag und Nacht und Woche um Woche kein Aufhören, nicht die kleinste Lücke mehr, und nur noch diese prasselnde Sehnsucht, einmal herauszustürzen aus diesem Leibe, aus diesem Ganzen, und lustig zu sein, darüber und — ein Geist — — und zur Stunde zu sagen: da bist du, und ich bin nicht darin! Es ist ja alles wie Musik so unaufhaltsam und atemlos und — zum Tollwerden, und Bogner hat wieder mal recht! Einmal alles anders sehn können als von innen. Umkrempen sich und in den Winden sein ganz nackt und das Eis am Leibe zu spüren von allen sieben Seiten! Eine Pause, Herrgott, eine Pause! Warum läuft denn der Tertianer, der ein schlechtes Zeugnis hat, in die Speisekammer und hängt sich auf? Weil er eine Pause will zwischen jetzt und dem Geständnis, und weil er nicht weiß, was der Tod ist.“ Er sprang auf. „Gnädiger Gott, Magda, ich weiß, was er ist!“

„Oh ich verstehe die Welt!“ fing er gleich darauf brennend wieder an. „Ihr einziges Verlangen ist meins. Der Schuster, wenn er einen Schuh gemacht hat, der Dichter, wenn er einen Vers, der Gott selber, der eine Welt fertig hat: sie Alle machen, so schäbig es werden mag, etwas, in dem sie sind, und in dem sie doch nicht mehr sind. In dem sie sich von außerhalb ansehn können und sich herrlich finden. Man denkt, man will sich befreien, jawohl, aber das will man ja nicht, man will nur ein Stück von sich in der Hand haben, um hineinzubeißen oder es wegzuschmeißen wie einen Stein. Man will sich gefangen haben außerhalb, und sich erlöst fühlen von sich. Und das ist die Erlösung der Welt! Das ist die Form. Die Welt ist Chaos, wir können sie nicht begreifen und nicht durchdringen. Aber drinnen sind wir, der Mensch, und wir sollen es lichten, und ordnen, und sinnvoll machen. Bewußt oder unbewußt, und ob Tat oder Werk: da stehn sie als Form, und da ist das Chaos klar. Es ist drin in der Form als der Stoff, und doch ist die Form es nicht mehr, sondern sie schließt es aus, und verneint es, und vernichtet es. Und also, Magda,“ schloß er heiser, „damit du mich verstehst: dies ist die Aufgabe, für jeden und für mich: die Verwandlung. Verwandlung des Chaos unaufhörlich und unermüdlich in die Form.“ Er fing, da er sie den Mund öffnen sah, gleich wieder an: „Und ich kann es nicht, ich kann es nicht mehr, ich sage dir, daß ich es nicht kann, denn ich kann die Verantwortung nicht auf mich nehmen! Und es ist also keine Form mehr da!“ schrie er wütend, „und wenn keine Form mehr reicht, ja was dann? Und wenn kein andrer Stoff zu haben ist, alles ausgeformt ist, alles in dir, in deine Seele geformt, was dann? In Stücke muß dann die Form wenigstens, in Stücke um jeden und jeden Preis, damit wenigstens Ruhe in der Welt ist, Ruhe!“

„Und der Selbstmord —“ Er war ganz heiser, aber im Augenblick, wo er Magda die Lippen bewegen sah, mußte er etwas sagen, und es fiel ihm immer etwas Neues ein, „der Selbstmord, Jason, der sogenannte, was ist das überhaupt? Du und ich, wir werdens ja wissen. Das ist keine Buße und kein Loskauf, und das sind alles bloß Ausdrücke! Und es hat mit dem Leben überhaupt nichts zu tun! Es hat der Tod einzutreten, und das weiß man, und das ist die Sachlage. Es ist nichts andres mehr da! das ist es, und es sind keine Gründe und all dergleichen, sondern man geht auf Pflaster, und da fängt der Asphalt an, weil er da anfängt, weil die Obrigkeit das so eingerichtet hat, und man ist des Pflasters nicht lebensüberdrüssig, sondern man geht auf den Asphalt, weil er da ist! Und man legt sich doch schlafen, wenn der Tag aus ist, und man ist müde!“

Georg hustete sich aus und verstummte. Dann setzte er sich wieder.

Nun begann Jason mit aller Freundlichkeit:

„Du sagtest eben Schlafen. Das hatte ich eigentlich schon früher erwartet. Du wolltest schlafen. Nun — hast du nicht? War es nicht eine Pause?“

Georg fühlte sich irgendwie umstrickt, wollte jedoch nicht nachgeben und beharrte: es sei nun aber alles wie vorher.

Das, meinte Jason, dürfte kein zwingender Einwand sein. Im Gegenteil, es sei das Wesen der Pause, daß danach alles wie zuvor sei; sonst könnte sie kaum Pause genannt werden, sondern Ende.