„Die Lampe stirbt. Darf ich sie ausmachen?“ Und er neigte sich über die Platte zu ihr und drehte sie aus. Es war Nacht.
Georg sprach schon. Er hatte aber kaum die ersten Worte gesagt, als er sie nur noch mit Ohren hörte und wahrnahm, und indem er länger und länger redete, schien es ihm mitunter, als wäre in den Worten gar kein Sinn, als wären sie völlig verwirrt oder eine fremde Sprache, die er im Wahnsinn redete, ohne sie zu verstehn. Wo er begonnen hatte, wußte er nicht mehr, denn alsbald waren ihm ganz ferne Dinge, Bilder, Vorgänge aus seiner Kindheit in solcher Leibhaftigkeit erschienen und in solch einem Leuchten, und wie mit einem Zunicken bekundend, daß sie unendlich wichtig waren und keinesfalls verschwiegen werden durften, — daß er nicht rasch genug seine Schlinge darum werfen konnte, sie zu halten und zu beschreiben. So lange hielten sie geduldig still, dann aber waren sie augenblicks verschwunden ein jedes, und schon stand ein andres da, bereit, sich fangen zu lassen. So sprach er und sprach, es kam vor, daß er sich auf einer riesigen, abschüssigen Bahn zu befinden glaubte, die er mit Sturmeseile hinunterfuhr, spürend, wie die Luft ihn umsauste, oder war es die Zeit? Dann wieder stand alles still, und er glaubte, zu empfinden, daß alles dies in einem Ewigen vor sich ging, und dann sah er die Nacht um sein Haupt und da und dort den Schein eines Gesichts, und er saß hoch über der Welt in einer Versammlung verdunkelter Monde, und sein Leben rauschte in der Tiefe wie ein Strom. Jede Welle aber dieses Stroms hatte ihren Sinn und Bezug und ließ ihn zurück wie einen Bodensatz, — und das war alles Schuld. Nur von einer so ungeheuren Unabänderlichkeit war es jetzt, daß es die Beziehung auf ihn verloren hatte. Einen Augenblick fühlte er dies; da wars leicht. Plötzlich schlug ihn Bangnis an, wenn er zu Ende sein würde, dann wäre alles wie zuvor. In diesem Augenblick merkte er, daß er nichts mehr zu sagen hatte. Er suchte, lange wie ihm schien, aber nichts war da. Er hatte alles ausgeschöpft, und erschöpft saß er selber in dem Dunkel, das die Gewöhnung seiner Augen in graue Dämmerung verwandelt hatte, und sah wieder den bleichen Schein der Lampenkuppel, und den von Jasons Gesicht, von Magda und vom Hauptmann.
Sterbensangst ergriff ihn da. Was war eben gewesen? Was hatte er getan? Was sollte das alles? Ach, es sollte wohl noch das Urteil kommen? Das war ja alles nur Zeitversäumnis. Und nun stand alles noch einmal bevor ...
Das reißende Krachen eines Streichholzes ward hörbar, die Flamme zuckte auf und leuchtete, schwer stürzten Schatten in Masse von oben, und neben Magdas von der Seite hell beschienener Gestalt und hinter der des unwandelbar aufrecht stehenden Hauptmanns an der Wand reckten die Schatten sich den obern entgegen. Da war der ganze, düstre Raum, und Jason saß dort und näherte die Zündholzflamme der Siegelkerze im Leuchter, die langsam erglomm. Er blies das Streichholz aus und legte es in die Leuchterschale.
Magda sagte, tief Atem schöpfend:
„Das war dein Leben, Georg ... Ich danke dir, daß du so gesprochen hast! Dazu darf ich nichts sagen. Aber — was du in alledem immer wieder erkannt haben willst, das — das ist Wahnsinn, Georg, in dem Maß ist es Wahnsinn!“ Sie wandte sich hülflos um. „Sagt es ihm doch, daß es Wahnsinn ist!“
„Warum?“ sagte Jason. „Er hat doch recht. Wenn etwas Wahnsinn ist, ist es weniger wirklich darum? Ist der Irrsinn für den Irren das Leben oder nicht? Wahnsinn löscht doch sich selber nicht aus, nur wir sagen immer, wenn wir an Wahnsinn denken: das ist nichts. Auf diese Weise wird ihn wohl keiner überzeugen.“
„Ja, aber Jason ...“ Magda gab ihn auf, wandte sich wieder zu Georg hinüber und fragte bekümmert. „Was glaubtest du denn, Georg? Wenn all dies wirklich wahr sein sollte, glaubst du denn, daß du es mit dem Tode wieder gutmachen könntest? mit dem Tode?“
„Wenn ich so wahnsinnig wäre, wie du meinst ... Im Gegenteil, Magda, im Gegenteil!“ rief er gequält, „ich hätte Leben dazu gebraucht, zehn Leben, hundert! Muß ich dir denn erst sagen, daß ich eine Pflicht hier habe? Hast du denn meinen Brief nicht gelesen?“
„Welchen Brief?“ fragte sie erschreckt, und nun fiel ihm ein, daß der Brief, den er meinte, noch in seiner Lade lag.