Die Hände fallen lassend, das Gesicht schmerzlich aufhebend, sagte Magda:

„Es ist, wie Jason erklärte. Sie ist — irr. Ja, sie liebte. Saint-Georges. Ich fand auf ihrem Schreibtisch einen Brief von ihm, in dem stand, daß er sie seit Jahren geliebt hat, und daß es über seine Kraft ging. Nun, da sie ihre Liebe erkannte, war es aus mit der seinen. Ich kam einen Tag später als sie nach Altenrepen zurück, da war sie schon, wie sie jetzt ist. Ihre Zofe hatte sie im Schlafzimmer an der Erde gefunden. Sie scheint sich vor uns Allen zu fürchten. Sie kleidet sich, ißt und schläft, aber sie spricht nicht, und wie es scheint, kann sie es wirklich nicht, denn sie stößt Laute hervor, die —“

Magda schwieg.

„Ich kenne sie ja,“ begann sie von neuem, „sie hat eine andre Natur als wir, und alles trifft sie ganz anders als uns. Immer schien sie kühl und beherrscht, und so leicht sie erglühte, war immer die Grenze da. Sie sparte alles auf. Oft hatte sie seltsame Gesichte. Dies Gesicht nun scheint anzuhalten, und — ach, ich habe ja immer gehofft, deshalb schrieb ich auch nie davon. Jetzt, wo so lange Zeit vergangen ist — es kam schon im Oktober —, mag dir das vielleicht sonderbar scheinen, aber die Tage jagten dahin, und an jedem hoffte ich, ich würde morgen erwachen, und alles sei ein Traum. Und ich wollte dich nicht erschrecken, denn —“ Magda errötete so tief, daß Georg es erkennen konnte durch die Dämmerung — „du liebst sie doch.“

„Aber nun wollen wir das lassen“, fuhr sie fort. „Ich bin ja gekommen ... Lange war ich ganz ruhig um dich, obwohl unsicher, aber was soll ich tun? Ich muß ja nun immer angestoßen werden. Als aber dein Brief kam nach Ulrikas Tod, und der an Benno, den er mir zeigte, — ja seitdem ist meine Angst um dich gestiegen, bis sie mich heute gepackt hat, und hier bin ich nun. Verzeih, daß ich nicht allein blieb mit dir, aber — wir sahn ja, was dir aus der Hand geglitten war, die Andern sahn es, und ich fürchtete mich vor deinem Erwachen ...“

Georg hörte die Worte nur von fern, wie zu einem Andern geredet. Er dachte mit einem bittern Schmerzgefühl an Renate, und dann, wie er sich sagte, daß sie stumm sei, nicht reden könne, stieg auf einmal wie ein Springquell in ihm die Sehnsucht nach Worten. Jetzt erst spürte er die ganze Pein des viele Wochen langen Schweigens, und Angst ergriff ihn, daß er hätte sterben können, ohne alles gesagt zu haben. Keiner hätte ihn verstanden, er sah sich selbst, sein Andenken, seine Seele, wie einen ausgegrabenen Torso zwischen ihnen liegen, ein Rätsel, an dem sie deuteten und alles falsch.

Diese Erregung aber senkte sich wieder, und hernach war ihm wunderbar ruhig ums Herz. Er begriff nun diese Magie. Daß diese Menschen in dieser Stunde um ihn waren, das war ihr Zauber, das hatte sie selber so still gemacht, das stieg wie ein friedfertiger Rauch aus ihnen und legte sich um seine Sinne.

Er beugte sich vornüber und verbarg das Gesicht in den Händen. Da erschien ihm schon alles zu Sagende in reinlicher Klarheit und als ob er es besser verstünde als jemals, dazu weder bitter noch schwer, sondern alles mitsamt der Schuld hatte nur sein einfaches Dasein, als ob es nur sich selbst angehörte. Worte zeigten sich schon, so leuchtend in Natürlichkeit, daß er zitterte vor Sehnsucht, sie sprechen zu können.

„Ja, ich will sprechen,“ sagte er, „ich will alles sagen, ihr Alle sollt es hören! Ihr werdet Alle sehn, daß ich recht hatte!“

Während dieser Worte gewahrte er, daß es doch wirklich dunkler im Raum geworden war. Jetzt blickte auch Jason in die Lampe und sagte: