„Gott ist immer der Zweite in Wahrheit. Was du allein besitzest in Klarheit, das hast du mit ihm. Jedes Ding ist ein Seraphim zwischen Gotte und dir. Seine Schwingen nach dort und hier aufgespannt, bilden die Brücke von dir zu dem Zweiten. Da doch alles nach allen Seiten unendlich ist, was könntest du halten, hielte das andere Ende nicht Er? Aber gestützt auf diese Gewalten, auf Gott und auf dich, wird es keiner zerschlagen und hat es die Kraft, die Erde zu tragen. Ein solches Ding, so zauberhaft, ist das Gebet, ein solches ist die Tat, die gut geschah, und jedes gute Wissen auch. Wenn du es aber teilst mit einem Dritten, so wird auch Gott — vergänglich ist sein Hauch, im Maß wie du vergänglich bist — zerschnitten. Er wird gevierteilt und getausendteilt. Christus war gut, war Gott ganz zugeheilt. Er war mit Gott, doch Paulus war schon schlecht, da er mit Christus war und Christi Knecht. Wissen, Habe, Kraft und Lehre, sei es rein und ganz vollkommen, giebs an Menschen, so wards Schwere und die Reinheit schon genommen. — Bleibe mit Gotte allein!“
„Und gäb es kein Mittel, ihn zu halten?“
„Dreieinigkeit giebt es. Es giebt das Falten der beiden Hände zum Gebet, auf deren Brückenjoch die Gottheit steht. So falte dich mit einem Andern fest. Daß nur keiner sich wanken läßt und niemals erschlafft! Euch zu halten, die Kraft ohne Gott: Gottheit erschafft. Sie wird Liebe genannt. Sie ist so bewandt, daß sie Gott teilen kann ohne Grenzen und ihn aus sich selbst ergänzen. Liebe kann ihn vielmals teilen und wieder erhalten. Nur hütet euch vor dem Erkalten, und daß kein Teil verloren geht, und daß nicht Einer den Andern von euch einen Augenblick nur und nur um ein Gran — weniger liebe, — so bleibt Gott vollkommen, und die Liebe vollkommen, und ihr selber vollkommen.“
„Ach, was ist vollkommen?“
„In Nachtgewalten — In Taggewittern — Sich süß erhalten — sich nicht verbittern!“ — —
Eine Weile herrschte das tiefe Schweigen. Leiser dann fuhr Jasons Stimme fort:
„Vollkommen war Renate, denn sie liebte. Nun ist sie die Verstörte und Betrübte; sie geht umher und kennt sich selbst nicht mehr. Sie ist geteilt in Leib und Seele, beide sind da und dort, dazwischen blitzt die Schneide; es ward die Gnade Sprache ihr genommen, sie ist verwaist und arm und unvollkommen, und ihre Augen sind wie Fenster leer. Sie fürchtet sich, sie weicht den Menschen aus. Sie sitzt im Zimmer, das Gesicht in Händen, sie schleicht sich manchmal in das Treppenhaus und tastet sich durch Zimmer an den Wänden. Gesichter kann sie nicht ertragen, sie stößt Geschrei aus wie ein Tier und läuft von hinnen. Sie war vollkommen; nun ist sie von Sinnen, und keiner weiß, wie man sie wohl erlöst.“
Georg hatte plötzlich die Empfindung, als sei das Licht dunkler geworden oder matter. Wollte die Lampe erlöschen? Waren seine Augen trüber geworden? Ach nein, in ihm war etwas Schmerzendes, und das gab einen Druck auf seine Sehkraft. Renate? Was war mit Renate?
„Ich verstehe nicht!“ stieß er hervor. „Was ist mit Renate?“
Jason schwieg. Georg sah, daß Magda das Gesicht in die Hände gelegt hatte. Danach sah er den Hauptmann, sah Jason und den Chinesen, der übrigens, wie er jetzt erkannte, zwar anhielt, chinesenhaft zu lächeln, aber zwei völlig europäische, ja erstaunlich runde und braune Augen hatte, glänzend wie Kastanien. Obgleich aber so alles umher natürlich geworden schien, eines Glanzes entkleidet, so fühlte er es doch nicht minder ernst, nicht minder tief. Es war nur verdunkelt; es ward traurig.