„Rieferling!“ rief er plötzlich. „Nun sagen Sie etwas. Sie sind ein schlichter Mensch. Ich verspreche Ihnen —“ sich vorsetzend im Stuhl, die Hände an den Knäufen der Lehnen, erleuchtet von der List, mit der er sie jetzt Alle fangen würde; „ich verspreche Ihnen,“ wiederholte er fast schmeichelnd, „wenn Sie das rechte Wort — nein, wenn Sie nur ein Wort treffen, in dem ich die geringste Möglichkeit für mich finden kann, so will ich ihr folgen.“
Vorgebeugt bleibend in seiner lauernden Haltung, schon im Vortriumph, daß nun das gewünschte Ende für ihn nahe war, glühte er mit beiden Augen den Menschen an, der, die Hände fest um die Lehne des vor ihm stehenden Stuhls pressend, die blickenden Augen in dem geprägten, geordneten und stämmigen Gesicht auf ihn geheftet hielt. Nach einer Weile sprach er einfach: „Hoheit sollten es versuchen ...“
Ho — — heit ... tönte es echohaft in Georg nach. Er setzte sich im Stuhl zurück. Ho — — heit ... Ein sonderbares Wort. Ho — — heit ... sollten es versuchen ... Das war wieder so ein Ausweg, so eine schwächliche Halbheit! schlicht gedacht, üblich; praktisch nannte man so etwas, praktisches Leben — das war der Ausdruck. Möglichst wenig heroisch.
„Es hat ja doch keinen Sinn mehr ...“ würgte er endlich widerwillig hervor. „Ich kann ja auch nicht mehr! Ich habe gelitten, gut, darüber ist weiter nichts zu sagen. Aber alldas — es muß doch ein Ergebnis tragen, eine Erkenntnis, ein — kurz ein Ergebnis!“
„Das Ergebnis des Leidens“, sagte der Hauptmann, seltsamerweise errötend, „ist wohl, durchlitten zu sein.“
Worauf er sich entschuldigte: das sei so ein Gedanke, er wisse selbst nicht, wie ... er könnte nicht sagen, daß er aus eigner Erfahrung ...
Georg stand auf. „Du mußt todmüde sein, Magda, komm, geh schlafen.“ Er sah in diesem Augenblick, wie grau und zerfallen ihr Gesicht war. „Rieferling wird Li alles zeigen. Wir können ja morgen weiterreden.“ Er sah auf die Uhr und erschrak. Sie stand auf ein Viertel nach sieben. „Was ist das?“ fragte er, „ist es jetzt wirklich Viertel acht?“ Die Uhr ans Ohr haltend, merkte er, daß sie ging, und der große Zeiger stand auch genau genommen erst zwölf Minuten über Voll. Einen Augenblick glaubte er, alles geträumt zu haben und vor derselben Minute zu stehn wie am Abend zuvor. Dann hörte er Jason sagen, es sei an vier Uhr in der Nacht gewesen, als Georg aufgewacht sei. Magda erhob sich und bewegte sich auf ihn zu mit vorgestreckten Händen. Er ließ sie die seinen fassen und litt es, daß sie sie liebkoste und an die Wange drückte, indem es ihm beschämend und verkleinernd vorkam, sich streicheln zu lassen, weil er sich nicht totgeschossen hatte, und er konnte es nicht lassen, dieweil er sie in die Arme schloß, zu sagen: „Nun gehts glücklich aus wie eine Sitzung im Bürgerverein. Ihr Frauen seid nur froh, wenn ihr alles eingereiht habt!“
„Ist es denn, Georg?“ fragte sie, ängstlich zu lächeln bemüht, „ist es denn wirklich?“
Er dachte hart: Wenn sie mich nicht sehen kann durch meine Schuld, so habe ich ja wohl ein Recht, jetzt zu lügen! und sagte mit müdem Ton: „Es scheint ja so. Du —“ fuhr er zärtlicher fort, „warst ja immer bereit zur Verantwortung.“
„Ja,“ sagte Jason, „sie hat mich vor Teichen und Windmühlen bewahrt, und deshalb saßen wir hier Alle zusammen. Gute Nacht, Georg!“