Er reichte ihm flüchtig die Hand und ging an ihm vorüber zur Tür. Li hatte inzwischen einen besonders langen, braungelben Mantel mit sehr breiten Ärmeln übergezogen und einen steifen Hut aufgesetzt. Georg nahm ihm Magdas Pelzmantel ab und hängte ihn um ihre Schultern, worauf er sie zur Tür führte. Jason wartete dort und nahm ihren Arm. Alle schienen es eilig zu haben, als könnte er etwas zurücknehmen. Georg drückte dem Hauptmann die Hand und sah sie alle Vier die Senkung hinabsteigen in der Richtung zu Cornelias Haus. Dabei bemerkte er, daß es neblig geworden war; die Nacht über dem grauen Dunst war pechschwarz, die Luft nicht eben winterlich, feucht, aber kalt genug, um Georg schaudern zu lassen, während er die Gestalten in der Tiefe mählig verschwinden sah. Plötzlich dann war alles leer.

Hin und wieder zusammenschaudernd in der Kälte lehnte Georg am Türpfosten. Was nun? — Er kam sich zusammengeschrumpft vor und erbärmlich klein. In seinen Schläfen pochte das Blut, nun stach es in seinen Augen, die Müdheit war wieder da. Halb unbewußt wandte er sich zur offenen Tür zurück, sah eine Weile dem Brennen der fernen Kerze zu, sah die Schatten der Stühle sich leise anheben, und plötzlich wurden sie alle beweglich, ein Luftzug strich an ihm vorüber, ein warmer Hauch von drinnen. Im Aufflackern der Kerzenflamme sah er einen Gegenstand auf dem runden Tisch Schatten werfen, seine Pistole.

Da lag sie! Es zuckte schon in seiner Hand, als ihm einfiel, wie sonderbar das sei, daß weder Jason noch der Hauptmann sie an sich genommen hatte. Das tat man doch! Als ob sie sich verabredet hätten! — Ach, das ist elend, dachte Georg, mit diesem Vertrauensbeweis wollten sie mir nun die Hände binden!

Und wenn sie sie mitgenommen hätten, fiel ihm hinwider ein, was dann?

Ihm schauderte heftiger in der Kälte, ohne doch drinnen eintreten zu können, denn dann, dachte er, nimmt mich das Alte wieder auf, und ich bin im Geleise. — Er war allein; Nacht und Nebel —, das war geblieben. — Aber die See! zuckte es durch ihn hin. Wenn ich sie nehme statt der Pistole, so verstehen sie alles und erkennen den Ernst.

Georg schloß gedankenlos die Zimmertür, drehte sich langsam und ging, stolpernd im höckrigen Grasboden, Schläfen und Augenwinkel zerstochen von Erschöpftheit, nach der Stelle am Deichrand, wo die Treppe nach unten begann.

Der Nebel war hier außen etwas dichter; die Sichtbarkeit des Sandbodens unten zeigte, daß Ebbe war. Richtig, als er am Abend hier gestanden hatte, war die Flut noch im Steigen gewesen.

Stufe um Stufe trat Georg nach unten. — Ein Freund kalten Seewassers bin ich nie gewesen, dachte er verächtlich, aber — das wird sich ja wohl noch überwinden lassen. Wenn es nur nicht so weit wäre bis in die Tiefe ...

Er ging in den Nebel hinein. Das Ebbewasser pflegte hier weit zurückzuweichen, da noch die versunkenen Inseln vor Hallig Hooge lagen.

Georg hatte die Lider über die Augen fallen lassen, gehend, weil er im Gehen war, in einer leeren Unschlüssigkeit, die ihn peinigte. Als er die Lider wieder hob, sagte es in ihm: Da! — — Da war es ...